A UGSBURG. – Eine halbe Stunde vor Kongreßbeginn hat sich noch immer niemand der Erde angenommen – auf einer riesigen Leinwand zusammengerollt, liegt sie mit anderen Requisiten auf der Bühne. Um sie herum herrscht jedoch das vertraute Bild: Chaos. Einige hundert Kinder toben kreischend durch die Gänge des Stetten-Instituts, die türkische Schul-Hasse probt noch schnell ihr Friedenslied, und die Videogruppe sucht nach dem Verlängerungskabel. Nichts scheint so recht zu klappen, und doch sind alle guter Dinge.

Ja, es geht sogar ausgesprochen herzlich zu. Fachkollegen, in aller Regel sind es Ärzte oder Psychologen, sinken sich selig in die Arme, begrüßen einander wie Totgeglaubte; es wird gesungen und getanzt und ein betont sanfter Umgang untereinander gepflegt. Ein Hauch von Kirchentag liegt in der Luft.

Wer sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht zugehörig fühlt, ist erstens selber schuld und versucht zweitens, den Makel dadurch wettzumachen, daß er pfundweise Info-Material über diese wunderbare Veranstaltung einpackt: Hier das moosgrüne Faltblättchen über die Vorzüge des Bio-Tees aus Sri Lanka, dort das Flugblatt der Ulmer Ärzte-Initiative, die vor Radioaktivität in Milchzähnen warnt, hier die Potsdamer Erklärung für das individuelle Recht auf Asyl, dort die warnende Stimme des Kinderschutzbundes – ein Wochenmarkt der Bürgerinitiativen und des engagierten Bewußtseins.

Wem das noch nicht reicht, der bekommt – zur Stärkung seines Solidaritätsgefühls und für drei Mark – am Eingang die schneeweiße Kongreß-Kaffeetasse mit Aufkleber verabreicht; wenn das keine Ermutigung ist...

"Aus der Angst zur Ermutigung" lautet der programmatische Titel des Augsburger Kongresses, der von der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges und in sozialer Verantwortung) veranstaltet wird. Das Szenario einer "lebenswerten Zukunft" soll dabei entworfen werden; und weil dies nicht das Privileg einer einzigen Generation sein kann, ist das dreitägige Treffen für Erwachsene, Jugendliche und Kinder gleichermaßen offen.

"Wenn wir die Welt ändern wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen", sagt die Ärztin Marion Gaffke. Ohnehin sei diese Aufgabe nur dann zu bewältigen, wenn sich die Erwachsenen dazu entschließen könnten, die Ängste der Kinder ernst zu nehmen, sie nicht zu verniedlichen oder gar völlig zu ignorieren. Weil viele Eltern damit aber überfordert sind, springen die Veranstalter, in ihrer Mehrheit Ärzte und verwandte Berufsgruppen, in die Bresche. Ein breitgestreutes Kinderprogramm von "Naturerfahrungsspielen" bis zur Produktion einer Kinderkongreßzeitung soll den Nachwuchs vorsichtig an das heranführen, was ihm angst macht.

Das ist, wie bei der IPPNW nicht anders zu erwarten, gut gemeint und gut gemacht – und schießt doch in seinem Aufklärungseifer gelegentlich weit übers Ziel hinaus. Zum Beispiel bei Johanna, elf Jahre. Tapfer hat sie sich vor dem heruntergeschraubten Saalmikrophon aufgebaut und stellt nun fest, daß, wer ein Asylantenheim anzündet, "ja wohl ’nen Schuß in der Krone" haben müsse. Und daß sie über dieses Thema auch ganz gerne mal mit ihrer Deutschlehrerin reden würde. Soweit Johanna; nun möchte sie sich wieder hinsetzen – allein, in ihrem Beitrag fehlt noch etwas. Also bohrt die Diskussionsleiterin so lange nach, was ihr "denn so sehr angst" mache, bis Johanna sagt: "Na, die Skinheads!" Dabei hatte sie vorher nur ihre Wut, nicht aber ihre Angst ausgedrückt. Aber so leicht, ohne das Eingeständnis diverser Ängste, läßt dieser Kongreß keinen und keine entkommen – auch nicht die kleinen Angsthasen.