Von Helga Hirsch

Vilnius

Sajudis hat seine Schuldigkeit getan. Litauens große Volksbewegung aus den Tagen des Kampfes für die Unabhängigkeit von der Moskauer Zentrale hat sich überlebt. Sie verlor das Vertrauen der meisten Menschen, schrumpfte bei den Wahlen von fast fünfzig Prozent (1990) auf unter zwanzig Prozent (1992). Ihre Vertreter beschimpfen nun, unfähig zur Selbstkritik, die treulosen Bürger, die aus Enttäuschung und neuer Illusion zur postkommunistischen Konkurrenz überliefen. "Unsere Mission ist vorbei", gibt als einer von ganz wenigen Sajudis-Führern Bronislav Kusmickas zu. Sichtlich erschöpft und niedergeschlagen, empfängt er die letzten Interviewer, bevor er sein Büro als stellvertretender Parlamentsvorsitzender räumt.

Noch vor vier Jahren verkörperte Sajudis die Hoffnung der Nation; neun von zehn Bürgern fühlten sich als Teil der Bewegung. In ihr sammelten sich nicht nur ehemalige Oppositionelle und Parteilose. Im Unterschied zur polnischen Solidarność wirkten in Sajudis auch sozialdemokratisch orientierte Reformkommunisten. Algirdas Brazauskas, der frisch gewählte erste Sekretär der Litauischen KP, wurde auf dem Gründungskongreß von Sajudis im Oktober 1988 mit Ovationen willkommen geheißen.

Als einigendes Band und eigentliche Triebkraft der Bewegung wirkte die Forderung nach nationaler Souveränität. Suchte die KP auch erst abzublocken und dann zu bremsen – Sajudis und ihr späterer Vorsitzender Vytautas Landsbergis beharrten auf einem Tempo, das mehr der Ungeduld des Volkes und weniger der Einsichtsfähigkeit der sowjetischen Regierung entsprach. Das Volk dankte es ihnen: Aus den ersten freien Wahlen im Mai 1990 gingen die Sajudis-Kandidaten als klare Sieger hervor.

Doch die politische Ausgrenzung hatte bereits begonnen, bevor die nationale Einheit Früchte trug. Der Antikommunismus bestimmte die Ideologie bei Sajudis. Erst traf er die Reformkommunisten, dann die Liberalen, die Sozialdemokraten und die Zentrumsbewegung. Viele Intellektuelle verließen die Bewegung von sich aus; andere wurden Schritt für Schritt hinausgedrängt. Nach dem Kongreß im Herbst 1991 war Sajudis nach Meinung des Publizisten Arvydas Jouzaitis, eines Aktivisten aus der Gründerzeit, nur noch "eine Art Staatspartei, ein Wahlverein des großen Vorsitzenden (Landsbergis)".

Zurück blieben die Rechten, bei denen die antikommunistische Obsession alles überschattete. Die Demokratie im Innern wurde dem Unabhängigkeitskampf, die Wirtschaft der Politik geopfert. Symbole ersetzten die Realpolitik. Bis heute, fast zwei Jahre nachdem die sowjetischen Truppen die Trennung von Moskau gewaltsam zu verhindern suchten, blieben die Zufahrtsstraßen zum Parlament verbarrikadiert, das Gebäude selbst ist nach wie vor mit einer hohen Betonmauer geschützt. Im Eingang liegen Sandsäcke. Ein künstlich aufrechterhaltener Belagerungszustand dient Landsbergis als Kulisse für die permanente Entlarvung von Feinden.