Von Matthias Naß

Man stelle sich vor, Sisyphos hätte zwölf Felsblöcke gleichzeitig den Berg hinaufwälzen müssen. Hätte Albert Camus ihn auch dann noch einen "glücklichen Menschen" genannt?

UN-Generalsekretär Butros-Ghali hat da gewiß seine Zweifel. Gleich an einem Dutzend Orten sollen die Vereinten Nationen gegenwärtig Frieden schaffen oder den Frieden sichern. Doch gerade, in dem Moment, da sich hohe, vielleicht zu hohe, Erwartungen an sie richten, treibt die Weltorganisation auf ein Debakel zu.

Im ehemaligen Jugoslawien sind die Blauhelme häufig nur die hilflosen Notare des Völkermords, die Geschütze bewachen, statt sie zum Schweigen zu bringen. Vor allem die Serben, aber auch die Kroaten und Moslems treiben mit ihnen ihr zynisches Spiel. Unter den Augen der Uno wurden Konzentrationslager errichtet und ganze Landstriche "ethnisch gesäubert". Immerhin schützen die UN-Soldaten die Hilfslieferungen in das eingeschlossene Sarajevo. Aber werden sie im Winter ein Massensterben in den Dörfern und Städten Bosniens verhindern können?

In Kambodscha torpedieren die Roten Khmer jegliches Bemühen um eine nationale Aussöhnung. Unter Bruch des Pariser Abkommens vom Oktober 1991 verweigern die Gefolgsleute Pol Pots ihre Entwaffnung, und sie boykottieren die Vorbereitung freier Wahlen. Falls der Bürgerkrieg in der nun beginnenden Trockenzeit wieder aufflammt, ist die ehrgeizigste UN-Friedensmission gescheitert.

In Somalia jagen die marodierenden Banden der verfeindeten Clans sogar die Helfer der Hungernden. Jede staatliche Autorität ist in dem ostafrikanischen Land zusammengebrochen. Was sollen 3500 Blauhelme, von denen erst 500 eingetroffen sind, gegen das Chaos und das Grauen ausrichten? Wohl 300 000 Menschen sind in Somalia schon verhungert, bis zum Jahresende könnten weitere 250 000 sterben. Die Uno aber zwingt ihren fähigen Sonderbeauftragten in Mogadischu zum Rücktritt, weil dieser die New Yorker Bürokratie öffentlich kritisiert hatte.

In Angola geht nach der "Anomalie" (Newsweek) von siebzehn Monaten Frieden der Krieg weiter. Unita-Chef Savimbi will seine Niederlage bei den von der Uno überwachten und nach Meinung der meisten Beobachter fairen Wahlen Ende September nicht hinnehmen. Mehr als 2000 Menschen haben seither schon den Tod gefunden.