Von Harry Pross

Das Wort Solidarität ist im Deutschen ein Fremdwort geblieben. Es ist erst im 19. Jahrhundert durch die soziale Bewegung in Wirtschaft und Politik aus dem französischen solidaire entlehnt worden, das gegenseitige Haftung bedeutet: zu jemandem halten, für jemanden einstehen, und zwar solidus = ganz, vollständig.

Die Erfahrung lehrt anderes: "Freunde in der Not, gehen tausend auf ein Lot." Solidarität ist demnach ein Schönwetterwort wie so viele, die sagen, was sein soll, im Gegensatz zu dem, was ist. Der Schweizer Politologe Arnold Künzli hat erst unlängst am Beispiel der Wirtschaftsethik gezeigt, wie schnell sie mit den roten Zahlen den Bach hinuntergeht. Es ist leicht, Almosen zu geben, und schwer, Opfer zu bringen. Man lese die Solidaritätskundgebungen der ungeschmälerten Westdeutschen an die "Schwestern und Brüder in der DDR" nach und vergleiche sie mit den halbherzigen, unsoliden Wenden und Windungen, sich der Haftung zu entziehen, seitdem die Zeche berappt werden muß.

In dieser Situation hat die Jury des nach den studentischen Widerstandskämpfern Geschwister Scholl benannten Preises beschlossen, das Heft 7 der Zeitschrift Dachauer Hefte auszuzeichnen. Es hat den Themenschwerpunkt "Solidarität und Widerstand".

Der Preis wird gemeinsam vom Verband Bayerischer Verlage und Buchhandlungen und der Landeshauptstadt München zum dreizehnten Mal vergeben. Die Jury will "ein Zeichen der Ermutigung für alle (setzen), die bereit sind, sich auch da einzumischen, wo es unbequem ist. In den Dachauer Heften wird unsere sogenannte jüngste Vergangenheit dokumentiert, erforscht und davor bewahrt, in Vergessenheit zu geraten. Veröffentlicht werden Erinnerungen von Überlebenden, Aufsätze von Wissenschaftlern und von jenen, die der zweiten Schuld der Verdrängung entgegenwirken wollen."

Die Jury hält sich damit ziemlich genau an die programmatischen Sätze der Herausgeber. Im ersten Heft, Dezember 1985, schrieben die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel, und der Historiker Wolfgang Benz: "Die Dachauer Hefte werden unter der moralischen Autorität des Comité International de Dachau, der Vereinigung ehemaliger Häftlinge, publiziert. Die Zeitschrift versteht sich als wissenschaftliche Publikation und zugleich als Organ, in dem die Stimme der Verfolgten und dem NS-Regime Widerstehenden zu vernehmen ist."

Das erste Heft erschien vierzig Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers durch amerikanische Truppen, zwanzig Jahre nachdem die Gedenkstätte errichtet worden war. So berichtete es von der Befreiung der 31 000 Überlebenden; aber auch davon, wie rasch die von gemeinsamen Leiden erzwungene Solidarität der Häftlinge hauptsächlich durch widerstrebende nationale Interessen gemindert wurde. Unbestechlich redigiert auch die nachfolgenden Themen: Sklavenarbeit im KZ, Frauen in Verfolgung und Widerstand, über die "Täter, Opfer und Handlanger" der NS-Medizin – ein heikles Thema noch Ende der achtziger Jahre, weil Täter und Mittäter noch vierzig Jahre später praktizieren durften. Heft 5 erinnerte an die vergessenen Lager, Heft 6 wollte im Jahr der Vereinigung der beiden Nachkriegsstaaten der Verdrängung entgegenwirken. "Zu befürchten ist, daß das Unbehagen im öffentlichen Umgang mit der Erfahrung des Nationalsozialismus im Verweigern mündet", schrieben Distel und Benz. Bundestagspräsidentin Süssmuth hob auf den Sprachgebrauch als sensibelsten Seismographen für die Schwierigkeiten des Erinnerns ab. Inzwischen sind die Befürchtungen der Herausgeber übertroffen. Die nationalistische Rechte darf sich aggressiv profilieren. Es fehlt ihr nur noch der Leithammel, und der Marsch ins Zentrum der Macht kann beginnen.