Von Hans Harald Bräutigam

Das Trauerhaus liegt gleich neben dem Thüringischen Landtag. Am heruntergekommenen Gebäude der Hautklinik der Medizinischen Akademie in Erfurt (MAE) hängen regenschwer die vielen schwarzen Fahnen. Zahlreiche Autos fahren vorbei, die Fahrer veranstalten ein solidarisches Hupkonzert. Im dritten Stock des Bauwerks liegen auf einem Matratzenlager, wie auf einem Sterbebett von Blumensträußen umgeben, zwölf Studenten. Mit ihrem Hungerstreik wollen sie das Unabwendbare noch wenden, das heute, am 13. November, im Landtag verhandelt wird: Das Aus für ihre ärmliche, aber geliebte Alma mater, die vor fast vierzig Jahren aus dem Städtischen Krankenhaus in Erfurt entstanden ist.

Für den Augenarztprofessor Wilfried Müller, der die Studenten am Hungerlager besucht, scheint eine Welt zusammengebrochen zu sein. Sein hageres Gesicht drückt Sorge aus, Sorge um die hungernden jungen Leute und um die Ausbildung der lernbegierigen Studenten. Für ihn, den parteilosen Professor, wie für viele andere Hochschullehrer der ehemaligen DDR stand das Interesse an den Studenten stets im Vordergrund – stärker wohl, als dies in der Bundesrepublik üblich ist, vielleicht auch deshalb, weil das karge Leben sonst wenig Aufregendes bot. Jedenfalls gilt der im Westen verbreitete Spruch "Wer lehrt, wird nicht geehrt" hier im Osten noch immer nicht.

Unter Medizinstudenten sind Akademien sehr beliebt, weil der Kontakt zu den Kranken intensiver ist als in der Massenuniversität. Hinzu kommt, daß in den Akademien, wie heute in Erfurt, Magdeburg und Dresden oder früher in Düsseldorf und Lübeck, wegen der kleineren Zahl der Studenten das Verhältnis von Lehrenden zu Lernenden eng und vertraut ist. Voller Stolz berichten die Protestierenden, daß sogar Kommilitonen aus Westdeutschland in das wenig komfortable Erfurt gekommen sind, weil hier das Medizinstudium persönlicher und damit auch effektiver sei. "Erfurt war gesucht", meint der Pharmakologieprofessor der MAE, Olaf-Knuth Haustein, "denn bei uns gibt es pro Semester nur achtzig bis hundert Studenten".

Und das bedeutet ungefähr zwei Studenten pro Patient. Sie müssen nicht für das Abhören von Herz und Lungen oder für andere Untersuchungen und Verrichtungen Schlange stehen. Verbummelte Semester oder überschrittene Regelstudienzeiten kämen hier nicht vor, behaupten die Hungerstreikenden auf ihrem Matratzenlager. "Was haben wir alles für die Umgestaltung unserer Akademie unternommen, wie haben wir die Wende begrüßt – und jetzt lassen uns unsere Politiker im Stich", klagen sie. Dem Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und seinem aus Westimport und "Blockflöten" zusammengesetzten Parlament schlägt Mißtrauen entgegen.

Kritiker bezweifeln, daß die Politiker überhaupt richtig gerechnet haben. Im Auftrage des thüringischen Wissenschaftsministeriums schätzte eine Stuttgarter Planungsgesellschaft, daß die jährlichen Kosten für die MAE 140 Millionen Mark betragen. Doch der aus Aachen von der Technischen Universität zur Erfurter Akademie zugewanderte Verwaltungsfachmann Franz Schwartz rechnet vor, daß es um 30 Millionen Mark billiger ginge. Die Großstadt Erfurt, darüber sind sich alle einig, muß ohnehin ein vollwertiges Krankenhaus behalten – das kostet nach der Berechnung von Franz Schwartz 77 Millionen Mark pro Jahr. Der Unterschied zwischen den Jahreskosten für die Weiterführung der Akademie und denen eines städtischen Krankenhauses, das Stadt und Landkreis zu finanzieren hätten, beliefe sich mithin auf knapp 33 Millionen Mark.

Wie geht es weiter, wenn das Bundesland Thüringen sich, wie vorgesehen, zum Ende nächsten Jahres von der MAE verabschiedet? Die Landesregierung läßt nichts Konkretes verlauten. Statt dessen blühen die Spekulationen. So sollen sich jetzt schon private Krankenhausträger mit sichtbarem Appetit der zu schlachtenden Institution nähern, um die "Filetstückchen aus der Akademie zu schneiden", wie der frühere Pfarrer Andreas Enckelmann, Sprecher der SPD-Fraktion im Thüringischen Landtag, befürchtet. Auch der Erfurter Pharmakologieprofessor Knut-Olaf Haustein hält das für denkbar. Ein Containerhotel, das erst vor wenigen Wochen von einem thüringischen Bauunternehmer auf dem Gelände der MAE errichtet wurde, sei bereits an ein Schweizer Finanzkonsortium verkauft worden, das wiederum mit einem westdeutschen privaten Krankenhausunternehmer liiert sei.