Spät am Abend, wenn die Ossis endlich in ihren Bettchen liegen, dann sitzen wir hier im Westen gern zusammen und plaudern noch ein bißchen, erschöpft wie alle (späten) Eltern nach einem langen Tag vollbrachten Aufzuchtwerks. Wie hat man sich wieder gemüht von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, in allen Zeitungen, auf allen Sendern, in allen Akademien von Loccum bis St. Bitter in den Feldern, beim Frauenkongreß und auf dem Klempnertag. Geht es ihnen gut, unseren Ossis, sind sie zufrieden, haben sich ihre Träume von 89 erfüllt? Sind sie warm angezogen? Machen sie ihre Schulaufgaben? Sitzen sie auch nicht zu lange vor der Glotze? Verschleudern sie uns nicht ein bißchen arg viel Taschengeld – muß es denn gleich so ein großes Auto sein? (Wie haben wir denn angefangen, anno 48!) Oder waren sie gar wieder ungezogen, haben wieder rumgepöbelt in Rostock und in Quedlinburg? Brauchen sie nicht doch etwas mehr Erziehung? Wo man eigentlich ganz antiautoritär bleiben wollte ...

Ja, so geht das von morgens bis abends, bekümmert und besorgt, overprotective, wie das in Fachkreisen heißt: die große Ossi-Betüterung. Begleitet natürlich von zärtlichstem Gejammer: daß die einem bald die Haare vom Kopf fressen und daß man kaum noch zu was kommt, und wenn man mal ein bißchen ausgehen will –

Da bleibt man dann hängen, irgendwie, so am Abend, wenn die Ossis endlich schlafen. Und wir? Hatten wir hier im Westen nicht auch noch so manches vor? Hatte sich nicht auch in uns manch dummer Traum gerührt, an jenem 9. November 1989, als der Kalte Krieg zu Ende war? Endlich, endlich, hatten doch auch wir gerufen. Endlich weg mit den Kommißköppen und ihrem Apokalypse-Spielzeug, endlich her mit dem Geld gegen die große Not, für die allerdringendsten Reparaturen an dieser zerrütteten Weltgesellschaft, an diesem längst lecken Raumschiff Erde! Und endlich weg auch mit all dem anderen Mumpitz: der zwielichtigen Geheimbüttelei namens "Verfassungsschutz" zum Beispiel! Und Schluß mit der industriegefälligen Devotion gegenüber Terrorregimes und endlich klar Partei genommen für den demokratischen Widerstand von Damaskus bis Peking!

Endlich – endlich, endlich ... So träumte man dahin. Und so erinnert man sich heute bitterlich, wenn man all die Wörners und Rühes und Schönbohms im Fernsehen von den neuen militärischen Optionen faseln hört, die es nun zu wahren gelte, von dem Jäger 90, der natürlich gebaut wird, unter welchem Namen auch immer, neunzig Millionen Mark das Stück (in Ziffern: 90 000 000), und daß man auch im neuen Haushalt fünfzig Milliarden Deutscher Mark (in Ziffern: 50 000 000 000) zum Schießen-Üben brauche, leider. Da erinnert man sich dann bitterlich, wenn man jetzt erleben muß, wie selbst vernunftvolle Mitbürger unseren "Verfassungsschützern" gebannt an den Lippen hängen, wenn die sich mit ihren lachhaften "Erkenntnissen" blähen, daß "der Rechtsradikalismus sprunghaft zunimmt" und so weiter – als bliebe nicht, selbst wenn er sich so nutzlos zeigt und beflissen republikanisch gebärdet, Spitzelapparat Spitzelapparat, von Metternich bis Mielke, und auch in einer Demokratie jederzeit eine Gefahr für diese, und jede Mark dafür vergeudet. Und so erinnert man sich bitterlich, wenn man in diesen Tagen Zeuge wird, wie der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland frohen Mutes nach Peking reist und Herrn Li Peng, in dessen Arbeitslagern Hunderttausende vegetieren, einen "völlig normalen und aufgeschlossenen Mann" sein läßt (ein bißchen Dissidentenpflege allenfalls hinter den Kulissen). Mannesmann & Daimler Benz werden es ihm danken, ihrem Außendienstminister Kinkel.

Ach ja, es wäre schön gewesen, es hat nicht sollen sein. Und, wer weiß, vielleicht wird ja später noch was draus. So sagt man sich, hier im Westen, und löscht das Licht. Wenn die Kinder erst mal aus dem Gröbsten raus sind. Benedikt Erenz