Von Andreas Kilb

Sie sind unterwegs. Mehr weiß ich nicht, auch nicht am Ende dieses Films, der kein Ende hat. Da sitzen das Mädchen und der Junge am Straßenrand, mit dem Rücken zur Kamera, und der Junge sagt: "Vielleicht haben sie ja einen Fußballplatz im Heim .. ., und sie nehmen mich gleich in die Mannschaft auf." Aber ich weiß nicht, ob sie je ankommen werden in dem Heim, das vielleicht einen Fußballplatz hat, auf dem der Junge spielen darf. Sicher ist nur, daß auch das, wenn es geschieht, nicht von Dauer sein wird.

Sie sind unterwegs: der Junge, das Mädchen. Und der Polizist. Der Polizist, der die beiden Kinder von Mailand nach Civitavecchia bringt, in ein Heim, wo man sie nicht haben will, der sie wieder mitnimmt und weiter fortbringt nach Rom, nach Kalabrien und Sizilien, ans Meer und zurück in die Stadt, in ein anderes Heim oder irgendwohin, nirgendwohin. Der Polizist, der darauf besteht, ein carabiniere und kein poliziotto zu sein, ein Stadt- und kein Staatspolizist, als hätte das irgendeine Bedeutung. Der Polizist, Antonio, der einmal ein kleiner Junge war, fünf Jahre alt und im Torerokostüm, auf einem Photo, das seine Großmutter den beiden Kindern schenkt, bevor sie weiterfahren nach Süden, aus diesem Licht in ein anderes, aus diesem Haus in einen Traum.

Drei Tage dauert die Reise. Sie fahren im Zug, im Auto und mit dem Schiff. Nachts, wenn sie irgendwo angekommen sind, liegt das Mädchen weinend auf dem Bett, und der Junge liegt daneben und schweigt.

Er schweigt, seit die Geschichte begonnen hat. Schweigend hat er sich von der Mutter mit einem Tausendlireschein auf die Straße schicken lassen, damit seine Schwester ihren Freier empfangen konnte. Schweigend hat er zugeschaut, wie die Mutter und der Freier von der Polizei abgeholt wurden, während das Mädchen schrie: "Was passiert mit uns? Wo bringt ihr sie hin?" Der Junge schweigt und schaut zu, aber sein Blick aus den großen Augen ist leer, wie eingesperrt, er faßt nichts an und nimmt nichts mit. Mailand, Civitavecchia, Rom, Kalabrien, Sizilien. Es dauert eine Ewigkeit, bis man erfährt, daß er Luciano heißt.

In der stillsten Szene des Films hört man nur den Atem des Jungen, ganz laut. Er schnappt nach Luft, die Hände in einen Zaun gekrallt, den Rucksack hinter sich aufs Pflaster geworfen. "Was hat er?" fragt der Polizist verzweifelt. "Asthma", antwortet das Mädchen.

Das Mädchen, Rosetta, ist elf Jahre alt. Ihr Gesicht, ihre Geschichte sind in den Illustrierten: "Elf Jahre und schon Prostituierte". Dieses Wort, prostituta, kannte sie nicht. Jetzt trägt sie es wie ein Brandmal. In Kalabrien, im Haus von Antonios Schwester, wird sie erkannt und gedemütigt. "Bring uns weg!" fleht sie den Polizisten an. Aber Rosettas Flucht wird niemals enden. In Sizilien, auf dem Polizeipräsidium der Stadt Noto, holt sie das verhaßte Wort wieder ein. Die beiden französischen Touristinnen, mit denen sie ein paar glückliche, selbstvergessene Stunden verbracht hat, stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. "Was haben sie gesagt?" fragt der Junge später. "Prostituta", murmelt Rosetta nur, "prostituta." Da sieht man fast, wie sie zerbricht.