Von Axel Schmitz-Forte

Es ist etwa eine halbe Stunde her, seit hinter uns am Eingang der Mine das letzte Tageslicht verschwunden ist. Die Luft ist stickig und hinterläßt einen eigentümlichen, metallischen Geschmack auf der Zunge. "Das ist das Arsen in dem Staub." Sallustio Gallardo, Bergmann und Mineraloge, betrachtet meinen beklommenen Gesichtsausdruck, grinst und geht weiter in den Berg hinein. Die kleinen Flämmchen von zwei zerbeulten Karbidlampen geben ein schummriges Licht, das nur einige Meter weit reicht.

Der Stollen wird niedriger und enger. Halb in der Hocke zu laufen ist anstrengend, immer hintereinander her, durch einen grobgehauenen, halbhohen Gang. Immer wieder sehen wir über uns einen der morschen Deckenbalken, dessen zwei geborstene Hälften nur noch von einzelnen Holzfasern zusammengehalten werden.

Wir sind in einer der rund 5000 Minen, die indianische Bergleute in den Cerro Rico, den reichen Berg von Potosí, gegraben haben. Viereinhalb Jahrhunderte haben sie dazu gebraucht. Millionen Menschen sind dabei umgekommen.

1545 begann in Potosí ein wirtschaftlicher Aufschwung, der in der Weltgeschichte seinesgleichen sucht. Die spanischen Eroberer Lateinamerikas waren auf das Silber des Cerro Rico gestoßen. Selbst entdeckt hatten sie die atemberaubenden Silberschätze keineswegs. Es waren, wie die Spanier sie nannten, "Indios", Quechuas, die den Eroberern den Weg wiesen.

Als die fieberhafte Förderung des Edelmetalls begann, war die Gegend um Potosí ein dünnbevölkerter Flecken im Andenhochland. Doch das änderte sich rasch. Die Ansiedlung, auf 4000 Meter Höhe gelegen, wuchs binnen kürzester Zeit zur Weltstadt. Nur zehn Jahre später bezeichnete der spanische Vizekönig in Peru, Andrés Hurtado de Mendoza, die Stadt Potosí als den "Hauptnerv des Königreiches". 1573, noch keine dreißig Jahre nach ihrer Gründung, lebten hier 120 000 Menschen – und es wurden noch mehr.

Potosf war eine der größten und reichsten Städte der Erde, fast so groß wie London, gewiß größer als Madrid, Rom oder Paris. Zu seinen besten Zeiten lieferte der Cerro Rico rund siebzig Prozent der weltweiten Silberproduktion. Genauer – der Cerro lieferte das Erz. Produziert haben das Silber die indianischen Bergleute.