Von Marion Gräfin Dönhoff

So hat Weimar angefangen, hieß es in vielen Kommentaren nach der Berliner Sonntagsdemonstration. In Anbetracht der Ereignisse während der letzten Monate wird auf das zunehmende Auftreten von Neonazis und die Häufigkeit antisemitischer Aktivitäten hingewiesen, ferner auf die heute wie damals bedenkenlose Anwendung brutaler Gewalt. Schließlich wecken die 24 Fälle, bei denen Bundeswehrsoldaten an rechtsextremistischen Ausschreitungen teilgenommen haben, Erinnerungen an die fragwürdige Rolle der Reichswehr.

Wieder, wie damals in der Zeit von Weimar, befeinden sich Rechts- und Linksradikale, wobei die weltanschauliche Bezeichnung von rechts gegen links besser durch blau gegen gelb ersetzt würde, denn politische Ideen oder Argumente sind in den Köpfen dieser Chaoten nicht beheimatet. Allenfalls werden die Rechten von einer Nazi-Minderheit als Schlägertrupps instrumentalisiert. Oder es handelt sich nicht einmal angeblich um politische Motive, beispielsweise, als neulich die Skins an der Raststätte Thiendorf einen Bus mit dänischen Pfadfindern überfielen, offenbar als Rache für ein verlorenes Endspiel bei der Fußball-Europameisterschaft

Dies alles sind Tatsachen, die niemand bestreitet. Aber trifft denn die Schlußfolgerung zu, daß sich hier eine Entwicklung analog zu jener der Weimarer Republik abzeichnet? Was war denn das Charakteristische an Weimar?

Die erste deutsche Republik war der Versuch, einem anti-demokratisch gesonnenen Volk, das noch tief in konservativ-obrigkeitsstaatlichem Denken befangen war, die parlamentarische Demokratie überzustülpen. Den Deutschen war der Parteienstaat damals ganz fremd. Sie begriffen nicht, daß in einer egalitären Gesellschaft die verschiedenen politischen Anschauungen und divergierenden Interessen gegeneinander und miteinander ausbalanciert werden müssen. Sie waren an eine autoritär bestimmte Staatsform gewöhnt und fürchteten, der Parteien Hader werde die nach dem vernichtenden Krieg so dringend notwendige Einheit des Vaterlandes zerstören.

Von Anfang an standen die politischen Kräfte von der Rechten bis zur Mitte der neuen Demokratie ausgesprochen feindlich gegenüber. Alle kritisierten den Parteienstaat: die Bürger, die Großindustrie, der Adel, auch die Bürokratie. Als 1922 Gerhart Hauptmanns 60. Geburtstag in der Berliner Universität gefeiert werden sollte, verlangten die Sprecher der Studentenschaft, Reichspräsident Eberts Anwesenheit möge verhindert oder Reichstagspräsident Löbe wieder ausgeladen werden, denn zwei Sozialdemokraten seien zuviel für eine deutsche Universität.

Diese Grundstimmung war von vornherein verstärkt worden durch das unvernünftige Verhalten der Sieger in Versailles. Dort war in der Tat ein Diktat verhängt worden, denn die deutsche Unterschrift wurde durch Kriegsandrohung erzwungen. Für Hitler war dies ein ideales Agitationsthema. Die Nationalsozialisten wurden nicht müde, den "Schandvertrag von Versailles" anzuprangern – "das Diktat, das abgeschüttelt", "die Fesseln, die gesprengt werden" müßten. Auf diesem Boden sprossen aufs neue Dolchstoßlegende und Revanche-Gedanken.