Nehmen wir einmal an, Gesundheitsminister Horst Seehofer habe bei einer repräsentativen Stichprobe von Mitbürgern den Blutdruck messen lassen und aufgrund dieser Daten einen Gesundheitsbericht der Nation veröffentlicht. Erstaunen wäre die Folge. Denn der Blutdruck ist zwar ein Indikator für die Gesundheit von Herz und Kreislauf, aber nicht des ganzen Körpers. Generell ist der Versuch unzulässig, eine komplexe Größe wie den Gesundheitszustand eines Volkes monokausal zu erklären.

Was Seehofer nie wagen würde, tut Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle alljährlich bei seiner Präsentation des Waldzustandsberichtes. Dieser sei "quasi der Finger am Puls des ‚Patienten Wald‘". Die systematische Begutachtung von Baumkronen widerspiegle "den Gesundheitszustand des Baumes". Seit Jahren wird versucht, die Gesundheit der Wälder durch eine Schätzgröße zu beschreiben, die relativen Blatt- oder Nadelverluste von Baumkronen (beziehungsweise deren Vergilbung). Verändert sich dieser Schätzwert im Vergleich zum Vorjahr, dann wird ebenfalls ein Faktor hervorgehoben, die Luftverschmutzung.

In einer Zeit, da ständig von vernetztem Denken und der Komplexität der Ökosysteme die Rede ist, sollte es eigentlich leichtfallen, Abschied zu nehmen von linearen Kausalketten: Saurer Regen verätzt Boden und Bäume und lichtet deren Kronen. Zweifellos können Luftschadstoffe den Wald krank machen, vor allem in Höhenlagen mit sehr kargen Böden. Stickoxide können aber auf guten Böden auch wie Dünger wirken. Es ist mittlerweile unbestritten, daß vielerorts der Wald besser wächst als je zuvor.

Man muß kein Experte sein, um einzusehen, daß die Fülle des Blatt- oder Nadelkleides der Bäume von rund einem Dutzend Faktoren abhängt, etwa Trockenheit, Frostschäden, Fruchtbildung (dann sind Buchen und Eichen wenig belaubt), vom Bodenzustand oder Schädlingsbefall. Jeder Pennäler weiß, daß ein Problem mit einem Dutzend Unbekannten nur dann lösbar ist, wenn auch zwölf Gleichungen beziehungsweise zwölf unabhängige Meßgrößen vorliegen. Beim Wald hingegen wird so getan, als ließe sich sein Wohl und Wehe aus einer Kenngröße ableiten. Als man in den achtziger Jahren mit den Waldschadenserhebungen begann, stand die Hoffnung Pate, aus der Verlichtung von Baumkronen auf die Folgen der Luftverschmutzung schließen zu können. Doch diese Vorstellung ist längst verflogen. Rodolphe Schlaepfer, Direktor der Eigenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, einer der angesehensten Experten für neuartige Waldschäden, zieht eine nüchterne Bilanz aus der internationalen Forschung: "Eine Abhängigkeit der Kronenverlichtung von der Luftverschmutzung ist weder räumlich noch zeitlich erkennbar."

Ignaz Kiechle. hingegen verkündete: "Der Zustand des deutschen Waldes hat sich 1992 leider verschlechtert... Der Anteil deutlich geschädigter Bäume ist um zwei Prozentpunkte auf 27 Prozent angestiegen." Hierbei spiele die "lang andauernde Belastung durch Luftschadstoffe eine Schlüsselrolle".

Fachleute wissen, daß die Beurteilung der Kronenverlichtung, die "Ansprache" des Baumes, schwierig ist. Fehler von fünf bis zehn Prozent sind gang und gäbe. Vor diesem Hintergrund werden international große Unterschiede besser verständlich. So fanden die Franzosen im Vorjahr 3,6mal weniger geschädigte Bäume (7 Prozent) als die Deutschen (25) und die Briten (57) mehr als doppelt soviel wie wir.

Fazit: Wie man in den Wald hineinguckt, so krank schaut er aus. Hans Schuh