Von Wilfried Kratz

Die rechtschaffene Margaret Thatcher haßt Schulden. In den letzten drei Jahren ihrer Amtszeit als Premierministerin konnte sie einen Sieg über dieses Zeichen der "Liederlichkeit" erringen. Der britische Staat zahlte per saldo Kredite zurück und baute den Schuldenberg ab. Frau Thatcher war stolz auf diesen in Industriestaaten seltenen Vorgang. Ihr Nachfolger John Major ist nicht unbedingt ein verschwenderischer Lebemann. Aber unter seiner Ägide lebt das Land wieder auf Pump, und zwar in einem Ausmaß, das besorgte Kommentare ausgelöst hat.

Im Finanzjahr 1988/89 hatte die Regierung Thatcher netto Schulden im Umfang von mehr als drei Prozent des Sozialprodukts getilgt. Im Finanzjahr 1991/92 borgte Majors Finanzminister Norman Lamont schon fast vier Prozent. Im laufenden Finanzjahr 1992/93 rechnet er nun mit einer Nettokreditaufnahme von siebeneinhalb Prozent. Quoten von acht Prozent und mehr werden von vielen Ökonomen in den nächsten Jahren erwartet. Das Wort von den "italienischen Verhältnissen" geht um, ironischerweise gerade in einer Zeit, da Italien sich stärker anstrengt, seine notorisch hohe Staatsverschuldung zu verringern.

Der Umschwung ist eine Folge der anhaltenden Rezession, verrät aber zusammen mit anderen Maßnahmen zum Anschub der Konjunktur auch eine Revision der wirtschaftspolitischen Doktrin, nämlich eine Abkehr vom Monetarismus und eine Hinwendung zu einer aktiveren Rolle des Staates. Der Ökonom Hayek, dessen warnende Werke zu den Gebetbüchern der Thatcher-Zeit gehörten, ist passé. Der Ketzer Keynes, der bekannteste britische Ökonom dieses Jahrhunderts, kommt mit seinen expansiven Rezepten wieder in Mode. Manche bringen es auf die grobe Formel: Die in der angelsächsischen Welt mit den Begriffen Thatcherismus und Reaganomics verbundene Doktrin der staatlichen Enthaltsamkeit sei nun tot und werde ersetzt durch eine Politik, die den Interventionismus akzeptiert, vom Demokraten Clinton in Amerika und dem Konservativen Major.

Großbritannien hat in kurzer Zeit eine so scharfe Wende vollzogen, daß die ideologische Untermauerung noch gar nicht folgen konnte. Dies ist nicht einmal verwunderlich. Zum einen waren die geistigen Strömungen der kapitalistischen Thatcherjahre so beherrschend und der Zusammenbruch des Kommunismus so vernichtend, daß die Stimmen der linksliberalen Intelligenzija immer leiser wurden und schließlich fast verstummten. Zum andern ist die Wende nicht das Ergebnis langer sorgfältiger Planungen, sondern wurde der konservativen Regierung geradezu aufgezwungen.

Der Wendepunkt ist der sogenannte schwarze Mittwoch, dessen dramatische und traumatische Bedeutung für Großbritannien kaum zu überschätzen ist. An diesem 16. September verließ für bewegliche Wirtschaftsgüter für das erste Jahr befristet von 25 auf 40 Prozent heraufgesetzt. Gemeinden werden animiert, künftige Einnahmen zum Beispiel aus dem Verkauf von Sozialwohnungen gleich wieder für Investitionen auszugeben. Mit einem Sonderprogramm will der Staat, der unter Thatcher Sozialwohnungen an ihre Mieter verkaufte, leerstehende Häuser aufkaufen, die den Eigentümern weggenommen wurden, weil sie ihre hohen Hypothekenschulden nicht mehr bedienen konnten. Dies soll dem niederliegenden, aber für die Konjunktur ungemein wichtigen Häusermarkt aufhelfen.

Gespart werden soll dagegen beispielsweise bei den Staatsbediensteten: Die Regierung will für ein Jahr die Lohnzulagen für alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes auf maximal eineinhalb Prozent begrenzen, was auf eine Senkung des Realeinkommens hinausläuft. Die Begründung lautet, die Bediensteten im staatlichen Bereich hätten sicherere Arbeitsplätze und zudem in den vergangenen zwei Jahren höhere Lohnzulagen (zwanzig Prozent) erhalten als die Arbeitnehmer im privaten Sektor (dreizehn Prozent).