Aids hat nicht, wie anfangs befürchtet, zu einer Verschärfung der Diskriminierung homosexueller Männer in der Bundesrepublik beigetragen. Zu diesem Ergebnis kam der Berliner Soziologe Michael Bochow in einer vom Bundesministerium für Forschung und Technik in Auftrag gegebenen Studie, mit der ermittelt werden sollte, ob sich die Einstellung zur Homosexualität in Deutschland 10 Jahre nach dem Aufkommen von Aids und 22 Jahre nach der Reform des Paragraphen 175 entscheidend geändert habe.

Es wurden 2222 über 18 Jahre alte Deutsche in Ost und West befragt. Vergleichsbasis waren die Ergebnisse einer Untersuchung von 1974. Befürworteten damals noch 36 Prozent der Befragten die Kastration homosexueller Männer, stimmen heute im Westen noch 21 Prozent, im Osten 13 Prozent der Aussage zu: "Was die Homosexuellen treiben, ist doch eine Schweinerei: Sie sollten kastriert werden." Michael Bochow warnt aber vor einer voreiligen Interpretation: Homosexuelle profitierten von der Lockerung einer rigiden Sexualmoral, die Untersuchungsdaten machten aber auch deutlich, daß sich die Einstellungen weniger zu einer wirklichen Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Sexualität hin entwickelt hätten als vielmehr "zu einer Laisser-faire-Haltung, zu einem Wurstigkeitsgefühl".

So geben 65 Prozent der befragten Westdeutschen und 69 Prozent der Ostdeutschen an: "Die sexuelle Orientierung von Menschen ist mir gleichgültig, warum sollte ich mich daran stören?"; 71 Prozent der West- und 64 Prozent der Ostdeutschen sind aber mit einer beruflichen Diskriminierung homosexueller Männer einverstanden: In politischen Ämtern oder als Lehrer wollen sie sie nicht sehen. In der Untersuchung von 1974 hatten sich noch 87 Prozent der Befragten so geäußert. Das Bedürfnis nach sozialer Distanz zu homosexuellen Männern ist nach wie vor groß. Nur etwa jeder dritte Westdeutsche und jeder vierte Ostdeutsche gaben an, daß sie kaum oder keine Berührungsängste hätten.

Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen, so interpretiert Bochow die Ergebnisse der Studie, gehe eindeutig zusammen mit Ausländerfeindlichkeit und der Orientierung an patriarchalisch geprägten Geschlechterrollen. Unter CDU/CSU-Wählern ist der Anteil Schwulen gegenüber feindlich eingestellter Menschen am höchsten, bei den Anhängern von Grünen/Bündnis 90 am geringsten. Am liberalsten sind die ostdeutschen Frauen. Michael Bochows Erklärung: "Die Frauen der ehemaligen DDR haben sich am weitesten von traditionellen Geschlechterorientierungen abgelöst, eine Folge der größeren individuellen Flexibilität und größeren materiellen Unabhängigkeit von den Männern aufgrund der Berufstätigkeit." Am stärksten verharre der westdeutsche Mann in patriarchalischen Wertvorstellungen.

Auch in anderen Themenbereichen der Untersuchung äußerten sich die Befragten in Ostdeutschland weniger konservativ als die Westdeutschen. So sprachen sich in den neuen Bundesländern 50,4 Prozent für das kommunale Wahlrecht von Ausländern aus, in den alten 38,2 Prozent. Den Widerspruch zwischen tendenzieller Liberalisierung der Gesellschaft und offensichtlichen Bereitschaft zur Verfolgung ethnischer und sozialer Minderheiten erklärt Bochow damit, daß "auf die Folgeerscheinungen der Deindustrialisierung der ehemaligen DDR und der weltweiten Wanderungsbewegungen" nicht mehr so leicht mit wohlfahrtsstaatlichen Mitteln zu reagieren sei wie "in den idyllischen siebziger und achtziger Jahren". Eberhard Seidel-Pielen