Von Klaus Hartung

Der drohende Rechtsruck gehörte in der alten Bundesrepublik zum Selbstverständnis linker Kultur. Von rechts kam eine Art Lawine in Zeitlupe, die es fortwährend aufzuhalten galt. Die Linke begriff sich als ein Frühwarnsystem. Sie verstand es, an hochsymbolischen Vorgängen "Symptome" zu identifizieren und "Tendenzen" zu bekämpfen. Dieser "Alarmismus" hatte eine Eigentümlichkeit: Das Gefahrenszenario, der potentielle rechte Gegner, wurde gern so umfassend skizziert, daß der historische Ort der Linken irgendwo dort liegen mußte, wo man mit dem Rücken zur Wand stand.

Diese Haltung wurde 1982 ermuntert, als die Regierung Kohl ihr Programm der "geistig-moralischen Wende" und die Politik des "Schlußstrichs unter die deutsche Vergangenheit" verkündete. Die Linke sah ein Rollback und verharrte auch dann noch in der Defensive, als die Geschichte ganz anders lief. Die fatale Feier auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg entfesselte gerade das, was sie verhindern wollte, eine Debatte über die Untaten der Waffen-SS. Überdies kam die Wehrmacht und ihre Unterstützung der Einsatzgruppen ins Gerede. Statt des beabsichtigten Schlußstriches unter die Vergangenheit entstand, terminiert durch die Kette der runden Jahrestage des "Dritten Reiches", eine neue Holocaust-Debatte. Es begann die zweite Wiedergutmachung. Die verdrängten Opfer, die Roma und Sinti, die Homosexuellen, die Zwangssterilisierten, die Opfer der Euthanasie bekamen Öffentlichkeit wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Archipel der Lager und Nebenlager in Deutschland wurde erforscht.

Selbst die Historikerdebatte konnte beim besten Willen nicht als ein konzentrischer Angriff der rechten Intellektuellen und der Geschichtsrelativierer gesehen werden; eher litt sie, gemessen an der linken Erregung, am Untergewicht der rechten Gegner. Der Streit endete mit einem geradezu normativen Konsens über die Deutung der deutschen Geschichte und mit einem Bekenntnis zum Verfassungspatriotismus.

Die Regierungszeit Kohls wurde begleitet von einer "linken Hegemonie" (um mit Peter Glotz zu sprechen). Es ist eine Ironie der Geschichte, daß die Linke erst in der Stunde, als die alte Bundesrepublik verschwand, in der Stunde der Vereinigung, ihrer Kraft inne wurde, aus ihrer Defensive heraustrat und im goldenen Abendsonnenschein erkannte, wie tiefgehend sie die bundesrepublikanische Kultur mitgestaltet hatte. Aber dieser so wichtige Schock der Erfahrung eigener Kraft ging so schnell dahin, wie das Frösteln über das vereinte Deutschland zunahm. Seit den Pogromen von Hoyerswerda hat sich die linke Defensivkultur wieder restrukturiert. Es wird wieder gewarnt, Kassandras umschreiten den Horizont kommender Verhängnisse. Dafür ist der Essay "Die neue Dreistigkeit" von Volker Ullrich (ZEIT Nr. 45) nur ein Beispiel unter vielen.

"Die neue Dreistigkeit" ist Volker Ullrich zufolge eine Tendenz, wonach das "neue Deutschland probt, aus dem Schatten von Auschwitz herauszutreten". Aus diesem Schatten wollte bekanntlich Franz Josef Strauß heraustreten, während es doch wohl eher darum ging, endlich das volle Licht auf Auschwitz zu richten. Volker Ullrich versucht in dem Essay, die veränderte Stimmung zu ertasten. Seine Beunruhigung und das vage Gefühl zunehmender Bedrohung kann ich teilen. Gleichwohl fällt es mir schwer, seine Beweise überzeugend zu finden – gerade weil ich glaube, daß wir säkularen Bedrohungen gegenüberstehen.

Woher kommt die Plausibilität dieser Zeitdiagnose? Natürlich entspringt sie dem Gefühl der Bedrohung, hat als Hintergrund die Flammen von Rostock-Lichtenhagen und den ganzen Brandgeruch, . der wieder durch Deutschland zieht. Aber sie entspringt auch der vielseitigen Verwendbarkeit der beliebtesten Begriffe linker Analyse, nämlich "Symptom" und "Tendenz". Wenn nur das schlimme Allgemeine, wenn die Tendenz stimmt, dann sind Symptome so etwas wie eingestreute Anschauungsmomente für den allgemeinen Gedankengang. Man muß ihren Zusammenhang gar nicht erst konstruieren. Es fällt vielmehr leicht, sie zu einer Tendenz zu erheben. Tendenz wiederum ist etwas, was sich selbst deutet.