Von Janusz Reiter

Als General Jaruzelski sein Kriegsrecht verhängte und in Deutschland eine Sympathiewelle für das polnische Volk auslöste, schrieb ich in einer westlichen Zeitung einen Artikel über die enttäuschte Hoffnung der Polen auf Normalität. Er kam gut an, wurde aber wahrscheinlich nicht ganz verstanden. Als ich von "Hoffnung auf Normalität" schrieb, meinte ich die Generation der "Solidarnoś&#263", meine Generation. Sie hatte den für Ostblockverhältnisse frechen Wunsch, endlich einmal im eigenen Land frei, eben "normal" leben zu können – nicht als Untertanen des spießigen Sozialismus, aber auch nicht als Märtyrer nach altpolnischer Manier. Da der Versuch, diesen Wunsch zu erfüllen, fehlschlug, haben nicht wenige ungeduldige Solidarność-Anhänger beschlossen, eine neue Probe zu machen – diesmal aber im Ausland. Hunderttausende verließen Polen in den achtziger Jahren, ein großer Teil von ihnen in Richtung Deutschland.

Wer edle Freiheitshelden erwartete, konnte sich enttäuscht fühlen. Und als sich in Berlin der sogenannte Polenmarkt etablierte, war der Mythos zerstört. Vom Christus der Nationen zum Händler der Nationen, das ist unser Abstieg – kommentierte sarkastisch ein polnischer Publizist. In der Zeit der politischen Wende 1989/90 schien sich zwar ein neuer Höhenflug anzubahnen, aber inzwischen ist Polen wieder von den Mühen der Ebene eingeholt worden. Eine deutsche Journalistin, die das Land seit Jahren mit Sympathie begleitete, erklärte öffentlich, sie habe Polen satt, das Land habe sie zutiefst enttäuscht. Und ich weiß, daß sie nicht die einzige Enttäuschte ist.

Vielleicht ist es aber Zeit, Polen zu erklären, wie es ist, anstatt es zu verklären. Das Buch von Lisaweta von Zitzewitz, "5 mal Polen", verfolgt dieses Ziel. Es bietet sowohl Beschreibung als auch Interpretationshilfe. Dabei geht die Autorin von der richtigen Einsicht aus, in diesem Land sei "nichts so kategorisch, wie es auf den ersten Blick mitunter erscheint". Dort, wo sie diesem Motto treu bleibt, ist das Buch überzeugend. Einfühlsam und witzig schildert die Autorin die polnischen Neurosen, die im Umgang mit westlichen Ausländern zum Vorschein kommen. Auch die kleinen Portraits von polnischen Schriftstellern und Künstlern vermitteln dem Leser Einblicke in polnische Diskussionen und Gegensätze. Die "Streiflichter aus dem Alltag" sind vor allem dort erhellend, wo sie nicht mit verallgemeinernden Schlußfolgerungen überfrachtet werden.

Unnötigerweise versucht aber Lisaweta von Zitzewitz, dem Leser das polnische Wesen zu erläutern. Das kann nicht gelingen, weil es so etwas nicht gibt. Trotzdem will die Autorin ergründen: "Was ist so polnisch an den Polen?" Als Anregung ist die Frage gut formuliert, beantworten läßt sie sich aber nicht. Die Schwierigkeit liegt eben darin, daß es "die Polen" gar nicht gibt. Alles, was man über ein 38-Millionen-Volk schreibt, mag mehr oder weniger richtig sein. Man muß nur in Kauf nehmen, daß das Gegenteil auch stimmt. Wenn es als "unpolnisch" gelten soll, erst nach dem Preis einer Sache zu fragen, dann sind viele Polen sehr "unpolnisch" – mit steigender Tendenz.

Eines der besten Kapitel dieses Buches heißt "Die Reise nach Sycewice". Aus diesem Ort, der jetzt den polnischen Namen trägt, stammt die Familie Zitzewitz. Ohne Pathos schreibt die Autorin über ihre Begegnung mit der Heimat ihrer Vorfahren. Sie hat keine Zweifel, wo sie hingehört: Ihr Zuhause ist die Bundesrepublik. Und trotzdem merkt man, daß sie dem Land, in dem Sycewice liegt, nicht nur mit Interesse, sondern mit einer Art Zuneigung begegnet.

Manche der Urteile, die die Autorin fällt, mögen umstritten sein. Das kann man ihr nicht vorhalten. Polenbücher zu schreiben ist, vor allem seit der Öffnung der polnisch-deutschen Grenze, ein schwieriges Unterfangen geworden. Der Leser kann sich selbst ein Urteil bilden. Doch gerade darin liegt die Chance auch für die Schreibenden: Sie müssen nicht allgemeingültige Wahrheiten verkünden, sondern Anregungen geben. Je mehr Polenbilder es gibt, um so weniger Vereinfachungen – und Enttäuschungen.