Vermutlich gab er den Stups, der die Lawine ins Rollen brachte: Micha Brumlik aus der Jüdischen Gemeinde Frankfurt regte als erster an, vor dem Parteitag der SPD eine Großdemonstration zur Beibehaltung des Artikels 16 zu veranstalten.

In einem emphatischen Aufruf hatte der Pädagogikprofessor in der tat dafür plädiert, die engagierten jungen Leute und die liberalen Geister der Republik sollten sich noch einmal versammeln, und sei es ein letztes Mal, um zu zeigen, daß sie das Grundrecht auf Asyl als eines der konsensbildenden Fundamente der Republik verteidigen möchten. 250 000 kamen nach Bonn.

Gut möglich, daß die Lebensgeister im Lande wiedererwachen. Bonn war schließlich nur der Schlußpunkt in einer Woche, nach Berlin und Köln – von Frankfurt und Hannover, Rostock und Freiburg nicht zu reden.

Das ist noch keine Apo 92. Es fehlt ein verbindendes Ziel. Aber es sieht so aus, als ginge der Dämmerschlaf allmählich zu Ende.

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Herbert Grönemeyer sprach denen, die sich im Bonner Hofgarten versammelt hatten, mehr aus dem Herzen, als es Politiker könnten: "Wir sollten wohl begreifen, daß wir es sind, die den Staat machen. Wir haben uns diese Komiker zwar gewählt..." Man müsse sich wehren gegen den deutschen Mief. "Politisch Verfolgte genießen Asyl. Das ist nicht zu ergänzen. Das ist ein Faktum."

Die Lieder, die Grönemeyer gesungen hat, stammen schon aus dem Jahr 1986 und sind unverändert aktuell: "... Deutschland wird allzusehr als Paradies mißverstanden, wir lassen keinen mehr rein." Nicht nur Grönemeyer, auch andere Musiker haben früh aufgepaßt. Das Lied der BAPs, mit dem sie vor ein paar Tagen die Kölner begeisterten – "Reichskristallnacht" –, ist schon zehn Jahre alt.