Gefährdete Mieter

Moskauer Wohnungen haben ihre Tücken, auch die kleine Erdgeschoßwohnung des russischen Ministerpräsidenten Jegor Gajdar. Seit Wochen schon fließt kein heißes Wasser aus den Hähnen. Schuld daran ist ein Kabelsalat der Hauselektrik. Neulich hätte das Durcheinander elektrischer Leitungen sogar tödliche Folgen haben können, als ein Rohrbruch Gajdars bescheidene Bleibe unter Wasser setzte. Aus Mitleid bot die Regierung dem Architekten der russischen Wirtschaftsreformen eine andere, geräumigere Wohnung mit Blick auf den Kreml an. Doch nach der Besichtigung lehnte Gajdar ab. Seine offizielle Begründung lautete: Er wolle keine Privilegien. Doch man munkelt in Moskau, Gajdar habe das Schicksal der Vormieter abgeschreckt. Zur Stalin-Zeit hätten hier politische Kommissare gelebt. Die seien von der Geheimpolizei in dieser Wohnung verhaftet und dann ins Lager verschleppt und erschossen worden.

Eine Frage der Gewöhnung

Sonntag früh, 1.33 Uhr: Der D-Zug 428 nach Kopenhagen rast mit 120 Kilometern pro Stunde in einen Güterzug. Elf Menschen sterben in den Trümmern der Waggons; vierzig Passagiere werden verletzt. Die Nachricht vom "Todeszug" erschüttert die Republik; Kamerateams und Reporter rasen an den Unglücksort. Bundesverkehrsminister Krause und Niedersachsens Ministerpräsident Schröder sprechen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Der bange Bürger fragt: Kann man sich noch getrost in einen Zug setzen? Die "Todesautos" jener Nacht zählt jedoch niemand, und zum Medienereignis werden sie schon gar nicht. Nur die Statistik läßt die Tragik ahnen: 1990 starben jeden Samstag 26 Menschen auf Westdeutschlands Straßen, und 1268 wurden verletzt. Der alltägliche Verkehrstod ist freilich kein Anlaß für Ministerkondolenzen.

Der kleine Deng

Von Deng lernen heißt siegen lernen. Und damit die Chinesen wissen, was es mit der "magischen Waffe" von ökonomischer Entwicklung bei gleichzeitiger politischer Linientreue auf sich hat, erzählt die offizielle Parteipresse nun die Geschichte des Bourgeois Deng Xiaoping. Es war einmal, im Juni 1922, da eröffnete der kleine Deng in Paris einen Tofu-Shop, um sein Studium in Frankreich zu finanzieren. Eine wahre Marktlücke: Die Nachfrage übertraf das Angebot, und die Kunden drängten Deng schließlich, den Laden so lange offenzuhalten, bis alles ausverkauft war. Den Tip, Kleinunternehmer zu werden, soll ihm Tschou En-lai gegeben haben, später ein ruhmreicher Führer von Maos Armeen. Mit der Revolution endete auch für Deng die Zeit des Westentaschen-Kapitalismus. Nun hieß es heimzukehren, alle Säuberungen zu überstehen, selber Staatschef zu werden, ein Massaker zu veranstalten – vor allem aber: nie die Wirtschaft zu vergessen. Von Deng lernen heißt siegen lernen.