Als "Limited Edition" wird Claudio Arraus letzte Einspielung von Philips offeriert. Die Frage bleibt vorerst unbeantwortet, ob man damit den Kaufanreiz stimulieren oder den Einmaligkeits-Charakter einer diskographischen Finallösung hervorheben möchte. Womöglich wird eine spätere Auflage jedoch etwas platzsparender, das heißt: in der üblichen Kassettenaufmachung ohne Kartonbehälter und mit gerade noch in die Halterungen einquetschbarem Begleitheft organisiert sein... Die feinen Linien muß man mit der Lupe suchen (und hören). Von Ausgelassenheit künden kleine Andeutungen; die lyrischen Wunder (etwa im langsamen Satz der Sonate oder im sechsten "Moment musical") werden aus einer Musiker-Perspektive übermittelt, die im geschmeidigen Gefallenwollen längst keine Hilfestellung mehr sieht, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Eine überschattete Reise also nach innen, eine Meditation im Zustand welker Lauterkeit, deren Lichtwerte wie durch einen Vorhangschlitz gelegentlich noch zu erhaschen sind.

Peter Cossé in der "Frankfurter Rundschau" vom 14. November 1992

Karin Brandauer

"Die Öffentlichkeit weiß über mich, daß ich die Frau von Klaus Maria Brandauer bin." Und das ist viel zuwenig, denn sie war die beste Regisseurin des deutschen Fernsehens, eine Virtuosin jenes "Fernsehfilms", der seinen Namen nur selten verdient. Daß wir in den letzten Jahren ein paarmal nicht umsonst vor dem Kasten saßen, haben wir ihr zu verdanken – durch die Weltkriegssaga "Marleneken" (1990), die Erich-Hackl-Verfilmung "Abschied von Sidonie" (dito), den k.u.k.-Bilderbogen "Ein Sohn aus gutem Hause" (1989) und, vor allen Dingen, das große, düstere Dokumentarspiel "Einstweilen wird es Mittag" (1988) über das langsame Sterben eines niederösterreichischen Dorfs in den dreißiger Jahren. Sonst bediente sie gern die Sehnsucht des Fernsehbürgers nach gutverdauter Literatur: mit Schnitzler ("Der Weg ins Freie", 1984), Pontoppidan ("Das Totenreich", 1986) und Rosegger ("Erdsegen"). Aber auch in ihren mittleren Arbeiten war sie genau und geduldig, keine Fernsehfunktionärin, sondern eine Fanatikerin des Sehens. Nie gab sie ein Bild auf für ein Wort. Sie wußte, wieviel das Medium taugt: "Es ist kaputt und macht kaputt." Für zwei, drei, vier Fernsehstunden machte sie es wieder heil. "Andererseits habe ich einige Filme nur bekommen, weil Klaus darin mitspielt." Das galt zuletzt längst nicht mehr. Am Freitag letzter Woche ist Karin Brandauer in Wien an Krebs gestorben. Sie wurde nur 49 Jahre alt.

Ein Bißchen Literaturkritik

Vorsorglich beginnt der FAZ-Rezensent (im folgenden: der Kritiker) seine Kritik mit einer Beichte: In seiner Eigenschaft als Fernsehquartettviertel (im folgenden: der Spieler) habe er den Roman "Rabbit in Ruhe" von John Updike "ausgiebig gelobt". Dagegen ist nichts einzuwenden, auch der Kritiker weiß nichts zu bedauern, "ich nehme kein Wort zurück". Warum auch? Es liege "in der Natur der Sache", sagt der Kritiker, daß das, "was wir Kritiker über ein Buch sagen", meist "auf eine Vereinfachung, auf eine Reduktion dessen hinaus[laufe], was der Autor geleistet hat". Nun hat sich der Spieler peinlicherweise den Fauxpas geleistet, im Fernsehen ein Buch zu propagieren, das er in seiner Nebenbeschäftigung als Kritiker leider nicht gut finden kann. "Rabbit in Ruhe", Updikes vierter Roman um Harry Angstrom, hinterläßt beim Kritiker "einen zwiespältigen Eindruck, um nicht gleich von Enttäuschung zu sprechen". Updike sei, wie immer das zugehen mag, mit seinem Roman ein "Mißgeschick widerfahren". Das alles schreibt und liest sich wie gewohnt, verläßlich und unterhaltsam, wie man es vom Kritiker (richtig geraten, es handelt sich um den Altmeister Marcel Reich-Ranicki) erwarten durfte. Wie aber kann den Kritiker R.-R. "Enttäuschung" anwandeln, wo der Spieler R.-R. doch eigener Aussage zufolge den Roman "ausgiebig gelobt" hat? Literaturpolitik muß es gewesen sein, "Updike verdient es, daß man ihn immer wieder rühmt". Früher, als das Lügen noch geholfen hat, ging das wohl als dialektisches Denken durch. Oder war feiner Hintersinn dabei, als der Spieler sich als Kritiker aufspielte? Rätselt doch der Kritiker über sein "Unbehagen, das sich während der Lektüre bemerkbar macht". Und war ihm im "Literarischen Quartett" noch so grundbehaglich zumut gewesen, ein Behagen, wie es vermutlich nur das schönste aller Bücher verschafft: das ungelesene.