Von Arne Daniels

"Die vollkommene Nation – nicht die vollkommene Menschheit ist die Aufgabe, die von der gegenwärtigen Zeit zu lösen ist." Friedrich List

Bescheidenheit war seine Sache nicht. Es sei ihm "der peinlichste Gedanke", notierte Friedrich List 1841, "hinzuscheiden, ohne dieses kosmopolitische System, unter dessen Tritten ich dreißig Jahre lang das Gras in meinem Vaterland verdorren sah, in Stücke geschlagen zu haben". Gemeint war nicht weniger als die klassische Nationalökonomie, die Lehre von Adam Smith, David Ricardo und Jean-Baptiste Say.

Dieses "System" zu zerschlagen ist Friedrich List nicht gelungen, aber er stellte ihm sein eigenes entgegen und orientierte es an den Bedingungen des damals rückständigen Deutschland. Schon der Titel seines 1841 erschienenen Hauptwerks ist Programm: "Das nationale System der politischen Ökonomie". Dem großen Schotten Adam Smith, Theoretiker des Freihandels und Vordenker der Marktwirtschaft, warf List "bodenlosen Kosmopolitismus" und "desorganisierenden Individualismus" vor; er hielt mit einer Lehre dagegen, die die mächtige und unabhängige Nation in den Mittelpunkt stellte. So ist Friedrich List beides: ein ideenreicher Entwicklungstheoretiker und, mit den Worten von Hans Kohn, der "Vater des deutschen Wirtschaftsnationalismus"

Dabei waren seine Wirtschaftstheorien gewissermaßen nur ein Nebenprodukt seines unsteten Lebens. Der 1789 in Reutlingen geborene List war eine der umtriebigsten und schillerndsten Figuren des deutschen Vormärz – ein kämpferischer Liberaler, der unermüdlich für die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Modernisierung seines Landes warb. List arbeitete zunächst als Verwaltungsbeamter, lehrte, obwohl er selbst nie studiert hatte, kurze Zeit an der Tübinger Universität Staatsverwaltungslehre und stritt als einer der ersten für einen deutschen Zollverein. Als Landtagsabgeordneter in Württemberg verfaßte er eine politische Kampfschrift, die ihm Verfolgung, Festungshaft und schließlich die – vorübergehende – Emigration nach Amerika einbrachte. Er versuchte sich als Landwirt und Industrieller, war einer der wichtigsten Förderer des deutschen Eisenbahnbaus und wird zu den einflußreichsten Journalisten seiner Zeit gezählt.

Als entschiedenen Verfechter der Industrialisierung Deutschlands interessierten ihn dabei vor allem Wirtschaftsfragen, die er in zahllosen Artikeln und Abhandlungen für Dutzende von Zeitungen erörterte. Seine theoretischen Werke entwickelten sich aus diesem tagespolitischen Engagement heraus. List wird heute denn auch eher als Theoretiker der Wirtschaftspolitik denn als Wirtschaftstheoretiker angesehen. Der Praxisbezug ist sicherlich die große Stärke seines Werkes; zugleich aber mag es am geringen theoretischen Gehalt seiner Schriften liegen, daß der Autodidakt List heute in vielen Abhandlungen zur Geschichte der Wirtschaftstheorie fehlt.

Am bekanntesten sind wohl noch seine Überlegungen zur Zollpolitik. Keiner anderen Frage maß List "in Hinsicht auf Wohlstand und Zivilisation der Nationen, auf ihre Selbständigkeit, Macht und Fortdauer" so viel Bedeutung bei wie der Handelspolitik. Hintergrund war die wirtschaftliche Vorherrschaft der Briten, die damals mit billigen und hochwertigen Industriewaren den europäischen Markt beherrschten – wenn auch mit weniger dramatischen Folgen für die Deutschen, als List behauptete. Um diese Dominanz zurückzudrängen, propagierte er "Erziehungszölle".