Von Jürgen Hoffmann

Was kann einen jungen französischen Kaufmannssohn Ende des 18. Jahrhunderts veranlassen, nach England zu reisen, um das Aufblühen von Gewerbe und Handel im Zeichen der industriellen Revolution zu studieren? Neugier, Abenteuerlust? Vor allem war es wohl der Wunsch des Vaters, der den knapp Zwanzigjährigen, 1767 in der Nähe von Lyon geborenen Jean-Baptiste Say bewog, seine Koffer zu packen und den Ärmelkanal zu überqueren, um sich in einem kleinen Dorf in der Nähe Londons einzumieten. Es war eine Entscheidung von weitreichender Bedeutung für die europäische Nationalökonomie.

Was der junge Mann auf der britischen Insel sah, überwältigte ihn: Die Industrie blühte, technische Erfindungen revolutionierten die Produktion, und rund um den Erdball erschlossen sich die Engländer neue Absatzmärkte. Jean-Baptiste Say lernte die englische Sprache und war so in der Lage, die Werke von Adam Smith (1723-1790), dem ersten Klassiker der Wirtschaftstheorie, im Original zu lesen. Smith’ Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen", das in Frankreich noch unbekannt und nicht einmal übersetzt war, weckte in Say das Interesse an der politischen Ökonomie. Zurück in Frankreich, veröffentlichte er 1789 seinen ersten literarischen Versuch, der indes nicht von der Wirtschaftswissenschaft handelte, sondern von der Freiheit der Presse.

Erst mehr als ein Jahrzehnt später griff er wieder zur Feder, um sich nun als Nationalökonom zu präsentieren. Zuvor hatte Say als Chefredakteur einer moralischen Prinzipien verpflichteten Zeitschrift und als Kaufmann gearbeitet. 1799 wurde er in das "Tribunat" berufen, dessen Aufgabe in der Frühzeit napoleonischer Herrschaft darin bestand, die Gesetzgebung zu beaufsichtigen und über die Einhaltung der Verfassung zu wachen.

Sein 1803 erstmals veröffentlichter "Traité d’economie politique" war ein großer Erfolg. Say legte in dieser Abhandlung in einfachen, verständlichen Worten dar, wie Reichtum entsteht, verteilt und verbraucht wird. Berühmtheit erlangte er vor allem mit seiner "Theorie der Absatzwege" und dem darin formulierten "Sayschen Theorem". Allerdings ist bis heute umstritten, ob Say tatsächlich der Urheber dieser Idee ist, und er hat dieses Theorem zeit seines Lebens auch nicht allzu dogmatisch vertreten.

Im 15. Kapitel seines "Traité" schreibt Say: "Produkte kauft man mit Produkten, und das zum Kauf dienende Geld muß selbst erst mit irgendeinem Produkt eingetauscht werden." Konsequenz: In einer Volkswirtschaft kann es, vorausgesetzt, das Geld hat lediglich eine Tauschfunktion, kein allgemeines Überangebot und damit auch keine anhaltende Arbeitslosigkeit geben. Jede Produktion schafft sich ihren Absatz. Die einfache Schlußfolgerung: Es muß möglichst viel produziert werden, dann öffnen sich die Absatzwege von selbst. Say stellt fest, daß eine partielle Überproduktion zwar möglich ist, daß ihr aber eine Unterproduktion an anderer Stelle gegenübersteht. Hier zu viele Hüte, dort zuwenig Schuhe – irgendwann gleicht sich alles aus. Ohne staatliche Eingriffe, die über die von Say durchaus gewollte Festlegung eines Ordnungsrahmens hinausgehen, "und andere Hemmnisse und Irrtümer", so der Bonner Staatswissenschaftler Wilhelm Krelle, tendiert das marktwirtschaftliche System nach Say "zur Räumung aller Märkte". So weit, so gut.

Schon zu Says Lebzeiten trat der Engländer Thomas Robert Malthus den Lehren des französischen Ökonomen entgegen, ein Jahrhundert später Malthus’ Landsmann John Maynard Keynes. Sie wiesen darauf hin, daß das Saysche Theorem lediglich in einer Naturalwirtschaft gelten könne, in der es keine Kassenhaltung, sondern nur Austauschrelationen gibt, die den Preisrelationen entsprechen, oder in einer Geldwirtschaft, die sich im stationären Zustand befindet, bei dem das Preisniveau also konstant ist, es keinen technischen Fortschritt gibt und die Angebots- und Nachfragefunktionen sich nicht ändern.