Von Michael Thumann

Anders als Jugoslawien liegt Tadschikistan nicht "vor unserer Haustür". Doch wie auf dem Balkan wird auch an den Ausläufern des Pamirgebirges ein grausamer Krieg geführt. Die monatelangen Schießereien in dem mittelasiatischen Land haben bisher mehr als 320 000 Menschen in die Obdachlosigkeit getrieben. Fast eine halbe Million seien auf der Flucht, sagt die Regierung in Duschanbe.

In der Hauptstadt Tadschikistans drängen sich die Flüchtlinge, ihre Versorgung wird immer schwieriger. Bei einem Angriff auf ein Flüchtlingslager in der Nähe von Duschanbe sollen 800 Menschen getötet worden sein. Tadschikistan steht ein harter Winter bevor. Überall mangelt es an Medikamenten, es gibt kein Brot. In den heftig umkämpften südlichen Provinzen sollen örtlich Hungersnöte ausgebrochen sein; die Bewohner der Stadt Kurgan-Tjube leben seit Wochen ohne Trinkwasser. Die Selbstversorgung des ärmsten GUS-Landes ist fast unmöglich. Im gebirgigen Tadschikistan können nur sechs Prozent des Bodens landwirtschaftlich genutzt werden. Zumeist wird Baumwolle angebaut, doch seit Ausbruch des Krieges liegen viele Felder brach, die Ernte verrottet.

Während das Land verkommt, bekämpfen Provinzpotentaten einander. In der nordtadschikischen Stadt Chodschent, die früher Leninabad hieß, hat der KP-Führer und ehemalige Staatschef Rachman Nabijew seine Hausmacht. Nabijew ist ein alter Bekannter: Er hatte einst unter Breschnew Karriere gemacht und war unter Gorbatschow in Ungnade gefallen. Doch die ersten freien Präsidentschaftswahlen in diesem Frühjahr gewann er, vor allem durch die Stimmen der Frauen. Aber der "Weiber-Emir", wie gläubige Muslime ihn nennen, wurde im September gestürzt. Seitdem versucht er, sich mit militärischer Gewalt an die Macht zu putschen.

Gegen Nabijew kämpfen radikal-islamische Gruppen aus dem Süden Tadschikistans, vor allem aus Kurgan-Tjube. Im Krieg mit den Kommunisten begleichen die islamischen Freischärler alte Rechnungen – neben dem politischen Machtkampf werden Stammesfehden um Land- und Wasserrechte ausgetragen. In diesem Bürgerkrieg kann jeder Nachbar zum Feind werden.

Zwischen den Fronten saß bis zum 10. November die Regierung in Duschanbe, eine Koalition demokratischer und gemäßigt-islamischer Kräfte. Doch diese Regierung der machtlosen Mitte mußte vor dem Krieg kapitulieren und zurücktreten. Jetzt hat das Parlament den Altkommunisten Emomalin Rachmonow zum Präsidenten gewählt – kein Mann des Ausgleichs mit den Islamisten.

Die neue Regierung hofft auf Hilfe von außen. Das Parlament appellierte jüngst an die GUS, eine Friedenstruppe zu schicken. Die im Land stationierten russischen Truppen wurden bereits beauftragt, die Ordnung wiederherzustellen. Die radikalen Muslime wollen sich aber diesen Vermittlern nicht unterordnen. Sie sehen die Russen als Besatzer und Helfershelfer der Kommunisten.