Von Lilli Thurn und Taxis

Das experimentelle Bauen hat es hierzulande schwer. Solar- oder High-Tech-Architektur können sich nicht so recht durchsetzen. Im Gegenteil: Es hat den Anschein, als solle wieder Ordnung in das deutsche Bauwesen einkehren. Architektur ist schließlich Ausdruck ihrer Zeit. So wie einst Speer die Abscheu der Nationalsozialisten gegen die fragil-transparenten Bauten damit begründete, daß die Menschen nun mal ein Bedürfnis nach ummauertem Raum hätten, benutzen Bonner Ministerialbeamte das Energiesparen als Vorwand, die Vielfalt der Baukunst einzuschränken – hin zur berechenbaren Einheitskiste.

Energiekrise, Waldsterben, Treibhausklima – seit bald zwanzig Jahren reift die Erkenntnis, daß der Energieverbrauch drastisch zu senken, die schädlichen Emissionen zu verringern seien. Wer würde da nicht die Selbstverpflichtung der Bundesregierung begrüßen, den Ausstoß an CO2 bis zum Jahr 2005 um ein Viertel zu reduzieren? Verkehr, Industrie und Privathaushalte: Die Verursacher müßten herangezogen werden. Das ist nicht allzu populär, und so bleiben am Ende die privaten Haushalte, sie verbrauchen immerhin dreißig Prozent der gesamten Energie.

Sicherlich würde die Sanierung von Wohnbauten im Osten den größten Effekt erzielen. Doch müssen die Plattenbauten erst einmal weiter ihre zugige Existenz fristen, denn für solch grundlegende Maßnahmen fehlt das Geld. Auch im Westen sind die Förderprogramme für Altbauten derzeit auf Eis gelegt. Bleiben also die Neubauten, denn irgendwo muß man ja sparen. Und so lange sich auf diesem Gebiet noch Gewinne machen lassen, ist von den großen Wohnungsbau-Unternehmen und den Investoren kein nennenswerter Widerstand zu erwarten.

Unter der Ägide der Minister Schwaetzer und Möllemann wurde nun die Wärmeschutzverordnung neu formuliert, wiewohl ihr Niveau auch auch jetzt schon sehr hoch ist. Verbraucht ein den Mindestanforderungen gehorchendes Wohnhaus 140 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, liegt der Verbrauch beim Altbau doppelt so hoch.

Der neuen Fassung zufolge sollen nun mit deutscher Gründlichkeit die Gebäude derart abgedichtet werden, daß kein Quäntchen Wärme mehr entweichen kann und so der Energieverbrauch um noch ein Drittel vermindert wird. Auch das ist löblich – wenngleich diese Ersparnis kaum eine Rolle spielt, verglichen mit den Möglichkeiten bei Altbauten, Industrie oder Verkehr. Wird zwar das Ziel von allen Seiten begrüßt, hat der verordnete Weg dorthin jedoch heftigen Widerstand geweckt – vor allem bei den Architekten. Denn der Novelle zufolge sollen die Behausungen der Deutschen dick verpackt, die ach so wärmedurchlässigen Fenster möglichst klein gehalten, das Öffnen der Fenster möglichst ganz verhindert werden. Transparente Bauten wie der neue Bundestag in Bonn dürften nicht mehr errichtet werden, wenn das Parlament den Entwurf als Rechtsverordnung in Kraft setzte und der Bundesrat zustimmte.

Die Idee der Verfasser ist, mit einer für alle Eventualitäten gleichermaßen wirksamen Einheitsformel den sogenannten Wärmedurchgangskoeffizienten der einzelnen Gebäudeteile zu bestimmen, den berühmten K-Wert, die Wärmemenge also, die bei einem Grad Unterschied zwischen Innen- und Außentemperatur durch einen Quadratmeter Außenfläche entweicht. Damit bestimmen sie aber auch die Beschaffenheit der einzelnen Elemente eines Gebäudes. Davon abgesehen, daß diese Novelle fortan technisch innovative Architektur verhindern, wenn nicht von vornherein ausschließen würde, ließe sie auch althergebrachte Bauweisen, massive Ziegelwände zum Beispiel, Kastenfenster oder Satteldächer, aus dem Repertoire des Baumeisters verschwinden. Es sei denn, die Bauherren wären bereit, immense Mehrkosten für im Grunde nutzlose halbmeterdicke Ziegelwände, Dreifachverglasungen oder doppelte Dachsparren zu tragen. Das hat jetzt achtzehn Hochschulprofessoren, die die Fächer Baukonstruktion und Entwerfen lehren, gegen das von phantasielosen Bauphysikern erdachte Konstrukt aufgebracht – weil hier eine viel zu einfache Lösung für ein außerordentlich komplexes Problem vorgeschrieben würde. In ihrer Protestnote schreiben sie: "Zentrale Aspekte der Nutzung, der Typologie, der geometrischen Struktur, der Konstruktionsart und der Materialwahl, der Grundrißorganisation, der Situation des Bauwerks, die alle Einfluß auf den architektonischen Charakter und auch auf den Energiehaushalt eines Gebäudes haben, werden vernachlässigt."