Von Jan Feddersen

Mit maliziösem Lächeln drückt die alte Frieda ihre Zigarette im Aschenbecher aus und spricht in den Qualm hinein: "Ich soll dich beneiden, weil du nach Finnland fährst? Vergiß es. Nichts als Mücken, Regen und Kälte." Mein bescheidener Einwand, vorgebracht im Stehcafé des Finnjet-Terminals zu Travemünde, die Sonne werde doch wohl so ein großes Land am europäischen Rand nicht ignorieren, wischt sie, wenig mitfühlende Freundin, mit knapper Handbewegung hinweg: "Es wird schon seinen Grund haben, daß die Kaurismäkis sich öfter in Paris als in Helsinki aufhalten."

Draußen britzelt die Sonne. Was gehen mich die finnischen Filmbrüder an? Ein Sommertag im August. Fünf alte Finnen liegen wie angegossen in den Hartschalensitzen des Warteraums und trinken Weinbrand aus Plastikbechern. Sie raunen. Laute. Bandwurmklänge. Sätze mit einer Fülle von Vokalen und gelegentlich Einsprengseln, die wie Konsonanten klingen, als ob die Flut der Eigenlaute ab und an gebündelt, sozusagen gebändigt werden müßte. Hyvää huomenta neitiseni. Eine Mitpassagierin klärt auf: "Die sagen Guten Morgen, schönes Fräulein’. Ist etwas altmodisch. Wahrscheinlich ein Witz. Fräuleins gibt’s nämlich auch in Finnland nicht mehr."

Wer weiß schon genau, was das ist: Finnland? 75 Jahre alt wird das autonome Staatswesen Finnland am 6. Dezember, ein Jubilar soll kennengelernt werden. Zum Abschied sagt Frieda, so ganz nebenbei, daß es schon ernst gemeint sein muß: "Und verlieb dich man nicht."

Vielleicht gibt das Zahlenwerk ersten Aufschluß über die unbekannte Größe namens Suomen Tasavalta, also über die Republik Finnland. 338 145 Quadratkilometer groß, somit nur ein bißchen kleiner als das neue Deutschland. Knapp fünf Millionen Einwohner, mithin nur ein Sechzehntel der Menge, die hierzulande wohnt. Etwa zehn Prozent der Landfläche von Wasser bedeckt. In der Touristenwerbung liest sich das als: "Land der tausend Seen", also wahrscheinlich Heimstatt von Millionen Mücken.

Nichts als Fakten. Vielleicht spotteten sich die britischen Humoristen von Monty Python näher an die Wahrheit heran? Zu einer Melodie, die jede Leichenfeier schmücken würde, sangen sie: "The country where I want to be, eating breakfast or dinner, or snack lunch in the hall, Finland, Finland, Finland, Finland has it all." Abwarten.

Jedenfalls: In Helsinki, dem Ankunftsort des Fährschiffs von Travemünde, ist außer direkt am Hafen kaum etwas vom Wasserreichtum zu merken. Eine Stadt, die etwas verschlafen wirkt, in der selbst nachts die umherstreunenden Jugendlichen moderat miteinander sprechen, als hätten sie sich auf einen Kammerton verpflichtet.