Mexiko-Stadt

Frühmorgens um sieben, noch vor dem Auftakt seines Staatsbesuches in Mexiko, holte den Bundespräsidenten die Nachricht von den Morden zu Mölln ein. So mußte Richard von Weizsäcker fern der Heimat seine erste Botschaft an das eigene Volk richten; "Der Staat und seine Bürger sind aufgerufen, der Gewalt zu trotzen. Das Kennzeichen der deutschen Gesellschaft muß humanes Zusammenleben sein und bleiben."

Das Protokoll der Lateinamerikaner behelligte den Besucher nicht mit den Schrecken in der europäischen Provinz. Aber die mexikanische Presse rückte den Anschlag ins Bild; das Fernsehen widmete den Morden gar mehr Aufmerksamkeit als dem prächtigen Empfang im Nationalpalast durch Präsident Carlos Salinas de Gortari.

Aus den Fugen geriet das Programm dieses ersten deutschen Staatsbesuches seit fünfzehn Jahren im Süden des Rio Grande jedoch nicht. "Wir haben nun leider ein Thema mehr auf unserer Agenda", hieß es gewollt lakonisch im Umfeld des Bundespräsidenten. Doch eben dieses Thema beherrschte Weizsäckers einzige internationale Pressekonferenz in Mexiko. Mit strenger Miene und fast bitterem Tonfall nutzte er das Podium, um den rechten Terror als eine Herausforderung an Gesellschaft und Republik zu definieren.

Am Vorabend, beim feierlichen Diner im Tafelsaal des Präsidentenpalastes Los Pinos, war es Weizsäcker sogar gelungen, eine Brücke zu schlagen vom teutonischen Fremdenhaß zur deutschmexikanischen Freundschaft. In der Tischrede dankte er für das Asyl, das einst Exilanten wie Anna Seghers, Erich Fromm und Hanns Eisler erfahren hatten. Weizsäcker wie auch Präsident Salinas verbeugten sich vor der jeweils anderen Kulturnation. Geschmeichelt vernahm der Hausherr die deutsche Verneigung vor dem Nobelpreisträger Octavio Paz und der mexikanischen Dichtung, dem "wichtigsten Beitrag zur Gesamtliteratur der Welt im ausgehenden 20. Jahrhundert".

Bei den Gesprächen hinter verschlossenen Türen drängten sich freilich wirtschaftliche Fragen in den Vordergrund. Schließlich erwies der Staatsbesuch in Carlos Salinas einem Politiker die Reverenz, "der derzeit vielleicht den erfolgreichsten Präsidenten überhaupt in der Welt" verkörpere. Der 42jährige Doktor der Ökonomie hat Mexiko eine Roßkur verschrieben, die das einstige Sorgenkind der internationalen Finanzwelt inzwischen in einen Musterschüler mit Wachstumschancen und beinahe stabiler Währung verwandelte. Wenn dieser Umschwung bislang auch noch nicht der verarmten Bevölkerungshälfte aus dem Elend hilft, wenn auch die Demokratisierung mit der wirtschaftlichen Liberalisierung nicht Schritt hält, das Land hat sich den Sprung von der Dritten in die Erste Welt zum Ziel gesetzt.

Inzwischen rangiert Deutschland an zweiter Stelle unter den ausländischen Investoren. Der Plan von Präsident Salinas, zum 1. Januar 1994 mit den Vereinigten Staaten und Kanada die Nordamerikanische Freihandelszone zu schaffen, weckt in Bonn jedoch die Sorge vor neuen Handelshemmnissen.