Von Gerhard Prause

Juden – so hieß es 1970 in der Brockhaus-Enzyklopädie – sind "die Angehörigen der jüd. Volks- und/oder Glaubensgemeinschaft". Und dann folgte unter diesem Stichwort über fünfzehn Spalten die Darstellung ihrer Geschichte als das von Gott auserwählte Volk mit allen Höhen und Tiefen, mit den Verfolgungen durch die Jahrtausende bis hin zum Holocaust und dem Schicksal der Überlebenden.

In der neuen Brockhaus-Enzyklopädie, Band 11 von 1990, heißt es unter Jude: "Angehöriger des Judentums", und unter Judentum (wohin man verwiesen wird) steht: "Bezeichnung für die Religion des ‚Volkes Israel‘ sowie für die Gesamtheit derer, die ihr als ethnische und religiöse Gemeinschaft angehören", und über 21 Spalten wird das Judentum dargestellt, von der Begriffsgeschichte und den Grundlehren über das religiöse Leben der Juden, ihre Geschichte mit allen Leiden, die Darstellung ihrer Kunst, Musik, Literatur und Philosophie.

In dem jetzt von Julius H. Schoeps herausgegebenen "Neuen Lexikon des Judentums" kommt ein Stichwort Jude gar nicht vor. Und unter dem Begriff Judentum, dem die Redaktion nicht mehr als 39 Zeilen einräumt, heißt es: "Ursprünglich Bezeichnung für die Religion der Juden, ist als Begriff nicht einheitl. definierbar."

Nun ist aus diesem Vergleich keinesfalls zu schließen, daß dieser eine Band aus dem Bertelsmann Lexikon Verlag über das Judentum etwa weniger bringe als der 24bändige Brockhaus; das ist durchaus nicht so. Aber er verdeutlicht die offenbar wachsende Schwierigkeit einer Definition, wer oder was eigentlich ein Jude ist.

Auf diese Schwierigkeit weist der Herausgeber zwar ausdrücklich hin, aber nur im Vorwort – in der gewiß irrigen Unterstellung, daß der Lexikonbenutzer es liest (bevor er vergebens nach dem entsprechenden Stichwort sucht): "Die Schwierigkeit des Lexikons beginnt mit der Definition seines Gegenstands. Definitionen dessen, was spezifisch ,jüdisch‘ ist, führen notwendigerweise zu widersprüchlichen Analysen des Verhältnisses von Judentum und der jeweiligen Umwelt, ein Verhältnis, das oft auf das Phänomen der Assimilation reduziert wird."

Und Schoeps räumt ein: "Besonders die Auswahl der Biographien spiegelt die Verlegenheit, die die offene Frage nach der jüdischen Identität’ hinterläßt. Die Redaktion hat sich bemüht, primär solche Biographien zu berücksichtigen, in denen ein subjektiver Bezug zum Judentum und eine objektive Wirkung auf jüdisches Leben erkennbar sind." Er fügt noch hinzu: "Der Einfluß einiger nichtjüdischer Politiker, Philosophen oder Literaten ist für das jüdische Denken und Leben im positiven oder negativen Sinn so folgenreich gewesen, daß auch sie in diesem Lexikon Erwähnung finden."