Wem sag’ ich das: Das männliche Gesicht neigt dazu, sich an der Oberfläche in kurzer Zeit zu verändern, wenn der Rasierapparat kaputt ist. Zuerst kommen die Stoppeln, dann die Borsten, und schließlich hat der Dreitagebart seine deutlich sichtbaren Spuren hinterlassen.

Sogar auf dem jungen Gesicht eines Boris Becker, wobei es sich hier natürlich nicht um einen Notfall handelt. Ich vermute sogar, er läßt sich den Bart mit voller Absicht wachsen. Schließlich hat der Bart ("für das Be-este im Ma-ann") das Image der Männlichkeit.

Nun hat unsereiner, wenn der Trockenrasierer ausfällt und kein Ersatzgerät zur Hand ist, ganz andere Probleme. Der Bart wächst über Nacht, und nun steht man vor der entscheidenden Frage: Soll man sich mit einer scharfen Klinge naß rasieren? Schreckliche Erinnerungen werden wach. Wer plötzlich umsteigen muß von der Trocken- zur Naßrasur, der hat Wundmale im Gesicht. Der Bart stellt sich nicht von heute auf morgen darauf ein, anders behandelt zu werden. Und Wundmale als Männlichkeitsbeweis sind auch nicht telegen.

Nach zwei Tagen ohne Trockenrasierer – ich hatte immer noch gehofft, daß der Apparat noch mal anspringen würde – befand ich mich im Zustand der Borsten. Mit anderen Worten, ich sah aus wie einer ohne festen Wohnsitz. Und als ich in den Bus stieg, um mir in der Stadt einen neuen Rasierer zu kaufen, da starrten mich die Leute an: Wie kann man bloß so aussehen!

In der Abteilung für Elektrogeräte hatte ich einen netten Verkäufer. Er erzählte mir von den Vorteilen eines Trockenrasierers mit Schwingkopf ("paßt sich allen Unebenheiten des Gesichts an") und lobte die einjährige Garantie. Ich kaufte den Apparat. Er war teurer, als ich kalkuliert hatte. Aber immerhin brauchte ich nun, auf der Rückfahrt im Bus, keine strafenden Blicke vom Gegenüber mehr zu fürchten: Morgen sollt ihr mich mal sehen, völlig glattrasiert. Gerhard Seehase