Von Udo Perina und Frank Schumacher

Für Deutschlands Finanzwelt bricht ein neues Zeitalter an. Noch zwei Wochen, dann werden alle Börsen und börsennahen Firmen des Landes zu einer weltweit einzigartigen Einheitsbörse zusammengefaßt. Ihr Name: Deutsche Börse AG. Ihre Gründung sei ein "großer Sprung nach vorn", ein "entscheidender Schritt in die Zukunft", sagen die Offiziellen. Doch hinter den Kulissen herrscht alles andere als Aufbruchstimmung: Die Umsätze sind gering, der Aktienmarkt droht auszutrocknen, die Kurse entwickeln sich nach dem Zufallsprinzip. Einige Börsianer fürchten gar um ihre Existenz. Und Kritiker argwöhnen, daß bei alledem die Interessen der Kleinanleger und des Mittelstandes auf der Strecke bleiben.

Börsen erfüllen zumindest in der Theorie eine wichtige Funktion: Sie verteilen die knappen Spargelder auf die rentabelsten Anlagen und tragen so dazu bei, Wachstum und Beschäftigung zu sichern.

Um diese Aufgabe erfüllen zu können, braucht die Börse erstens ein breites Spektrum von Anlegern mit genügend Geld und zweitens ein interessantes Angebot verschiedener Wertpapiere. Beide Seiten sind in Deutschland seit jeher unterentwickelt. Das Angebot an Aktien ist bescheiden, die Nachfrage nach ihnen ebenfalls. Nicht einmal für die dreißig wichtigsten Börsenwerte liegt eine befriedigende "Orderdichte" vor, sagt Heinz J. Schäfer, Chef des Wertpapierhandels der Dresdner Bank. Vor allem den Standardwerten aus der Bau- und Kaufhausbranche fehle es an ausreichender Liquidität, klagt Peter Coym vom Brokerhaus Salomon Brothers.

Zu spüren bekommen das Desinteresse vor allem mittlere und kleine Unternehmen. Ihre Aktien werden von Großanlegern links liegengelassen. Denn schon ein einziger größerer Kauf- oder Verkaufauftrag kann bei solchen Papieren einen Kurssprung auslösen – und diese Gefahr wollen Profis nicht eingehen.

Daß deutsche Aktien sich in den achtziger Jahren dennoch gut entwickelt haben, war unter anderem ein Verdienst von Investoren aus fremden Ländern. Im Spitzenjahr 1989 kauften sie netto für 24,9 Milliarden Mark deutsche Aktien – das waren rund sechzig Prozent des Gesamtabsatzes. Doch diese Zeiten sind vorbei. Im vergangenen Jahr legten Ausländer nur noch 1,5 Milliarden Mark an. Ihr Rückzug hinterläßt bereits Spuren im Bankenviertel. Die Beratungsabteilungen für Auslandskunden schrumpfen merklich. Die internationalen Kunden fürchten sich nicht etwa vor fallenden Kursen in Deutschland. Sie stoßen sich vielmehr an dem undurchsichtigen Beziehungsgeflecht der Banken und an der unzureichenden Börsenaufsicht. Vor allem aber stört sie die fehlende Liquidität, das mangelhafte Angebot an Aktien sowie das Ausbleiben "frischer Ware". Mark Edminston vom Brokerhaus Goldman Sachs zum Beispiel vermißt besonders Papiere aus der Ernährungswirtschaft und aus dem Dienstleistungsgewerbe. Der Grund für solche und andere Lücken: Nur zwanzig Prozent des Kapitals aller deutschen Unternehmen werden an Börsen gehandelt, in Ländern wie England oder der Schweiz sind es nahezu viermal soviel.

Gemessen an der Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft werden an der Börse viel zu wenig Aktien gehandelt. Nur 411 Gesellschaften sind amtlich notiert – und davon ist ein gutes Viertel zu keiner eigenständigen Entwicklung in der Lage. Triumph-Adler gehört Olivetti, Patrizier-Bräu der Schickedanz-Gruppe, die Stahlwerke Bochum sind ein Unternehmen des Thyssenkonzerns, und die Mainzer Aktien-Brauerei wird von der Frankfurter Binding AG kontrolliert. Bei über siebzig Gesellschaften besitzen die beiden größten Aktionäre mehr als neunzig Prozent des Kapitals, oft flankiert von Beherrschungsverträgen, die den Vorstand an die Weisungen des Großaktionärs binden. Dazu kommen noch gut dreißig weitere Gesellschaften, deren Großaktionäre zwar weniger als neunzig Prozent besitzen, aber trotzdem die Unternehmenspolitik bestimmen.