In den vergangenen zehn Jahren haben zwar 180 Firmen, darunter auch ein paar bekanntere Namen wie Henkel, Porsche und Jil Sander, den Weg zur Börse gefunden. Aber wirklich interessante Neuzugänge, wie etwa Apple Computer, Microsoft, Intel oder CNN in den Vereinigten Staaten, sucht man unter den deutschen Newcomern vergebens. Statt junger Unternehmen mit neuen Ideen werden in Deutschland häufig Aktien eingesessener Familienbetriebe verkauft – oft zu einem viel zu hohen Preis, der nur den Altbesitzern Freude bereitet.

An potentiellen Börsenkandidaten fehlt es indes nicht. "Gut 3000 deutsche Unternehmen mit einem jährlichen Umsatzvolumen von über hundert Millionen D-Mark sind noch nicht an der Börse notiert", sagt Frankfurts scheidender Börsenpräsident Friedrich von Metzler. Aber wer in Deutschland auf das begehrte Parkett will, der braucht die Banken. Diese verkaufen den mittelständischen Unternehmern jedoch lieber teure Kredite, als ihnen den Gang an die Börse zu empfehlen. "Es gibt eine Vielzahl von Firmen, die an die Börse wollen", klagt der Unternehmensberater Dietrich Walther, ein Experte in Sachen Kapitalbeschaffung. "Aber die Gesellschaften scheitern meist an der großen Zurückhaltung der Banken."

Neue Impulse hatten sich manche von der deutschen Vereinigung erhofft. Aber der ursprüngliche Plan, von den 8000 zu privatisierenden Unternehmen in einem ersten Schritt zwischen fünfzig und hundert an die Börse zu bringen, hat sich völlig zerschlagen. Lediglich eine Firma, die Sachsenmilch AG, schaffte als Anhängsel des Börsenneulings Südmilch den Sprung.

Gescheitert ist auch die Idee von Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, Aktien einer Beteiligungsgesellschaft für sächsische Unternehmen an der Börse zu verkaufen. Die großen Banken aus dem Westen waren dem "Sachsen-Fonds" nicht hold. Aber nur die Banken können die amtliche Börsenzulassung einer Aktie beantragen. Und sie entscheiden auch darüber, ob dem Antrag stattgegeben wird. Sie sitzen nämlich in den Zulassungsstellen der Börsen.

Die mit großem Abstand meisten neuen Aktien werden von der Deutschen Bank an die Börse gebracht. Auf sie entfallen 52 Prozent des Emissionsvolumens der vergangenen zehn Jahre. Verantwortlich für die Börsen- und Wertpapierpolitik der Deutschen Bank ist Rolf E. Breuer, eine recht schillernde Figur aus dem Vorstand des deutschen Branchenführers. Breuer galt einmal, noch vor dem jetzigen Chef Hilmar Kopper, als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des Vorstandsprechers. Später geriet er durch Skandale in die Schlagzeilen. Er war Chef des Verwaltungsrates eines Immobilienfonds namens Reta, dessen Anteile die Deutsche Bank an rund 8000 Kleinaktionäre verkauft hatte. Doch der Fonds war ein absoluter Flop. Er mußte aufgelöst werden, nachdem sein Präsident unter den Augen Breuers eine Millionensumme veruntreut hatte. Bald darauf berichtete ein anonymer Briefeschreiber von angeblich unsauberen Geschäften in Breuers Wertpapierabteilung. Dies war der Beginn von Deutschlands bisher größter Insideraffäre. Offiziell wurde kein Vergehen nachgewiesen, jedoch kündigte die Deutsche Bank dem beschuldigten Mitarbeiter Breuers fristlos.

"Mister blue chip", wie Rolf E. Breuer genannt wird, ist unbestritten der mächtigste Mann im deutschen Börsenwesen. Als Vizepräsident der Frankfurter Börse ist er nicht nur für saubere Verhältnisse auf dem Parkett verantwortlich. Er gilt auch als Vater der Deutschen Terminbörse. Von ihm stammt die Idee, alle deutschen Börsen unter einem Dach zusammenzufügen. Er hat gegen den Widerstand vieler kleiner Wettbewerber das Computerhandelssystem Ibis durchgesetzt. Er stellt in Frankfurt die Wahlliste für die Bankenvertreter im Börsenvorstand zusammen. Und demnächst übernimmt er persönlich das Präsidentenamt der künftigen Deutschen Einheitsbörse sowie den Vorsitz im Aufsichtsrat. Darüber hinaus ist Breuer Vorsitzender der Stelle, die über die Börsenzulassung neuer Aktien entscheidet.

Eigentlich sind Wertpapierbörsen öffentlich-rechtliche Institutionen und dem Allgemeinwohl verpflichtet. Noch bis vor kurzem war die Frankfurter Börse deshalb eine Einrichtung der Industrie- und Handelskammer. Allerdings hatten die Banken auch damals schon das Heft in der Hand. Sie stellen dreizehn der zweiundzwanzig Mitglieder im Börsenvorstand. Und auch die Vertreter der Mitarbeiter und der Anleger stammen weitgehend aus den Großbanken oder ihren Tochtergesellschaften.