Genauso wie in den Börsengremien geben die großen Banken auch auf dem Parkett den Ton an. Gleichzeitig sitzen sie in den Aufsichtsräten der wichtigsten Unternehmen, sind selbst Eigentümer beträchtlicher Aktienpakete und dominieren die Hauptversammlungen mit Hilfe des Depotstimmrechts. Eine derartige Beherrschung des Kapitalmarktes ist in der Welt ohne Beispiel. Sie führt zwangsläufig zu einem komplizierten Interessengeflecht, das viele ausländische Börsenkunden skeptisch macht. So sagt die National Westminster Bank ganz offen, daß sie in Frankfurt den freien Wettbewerb und faire Bedingungen für ausländische Marktteilnehmer vermißt. Nach Ansicht von Peter Coym, Salomon Brothers, ist das Risiko für Außenstehende am deutschen Aktienmarkt deutlich höher als anderswo. Die enge Verflechtung der Banken mit den wichtigsten Käufern von Aktien – Investmentfonds, Versicherungen und Industrieunternehmen zum Beispiel – erschwere die Transparenz des Marktgeschehens erheblich. Marktabsprachen, Manipulationen und Geschäften unter der Hand sind so Tür und Tor geöffnet.

Kursmakler, aber auch Vertreter kleiner Banken und verbitterte Mitarbeiter der Börse werfen Rolf E. Breuer vor, die Vorstellungen der Großbanken „ohne Rücksicht auf Verluste“ durchzuziehen. Ihm gehe es darum, die Bedingungen für Standardwerte wie Siemens, Daimler oder Deutsche Bank zu verbessern. Eine weitere Ausdünnung des Marktes für kleinere Aktien sei die Folge.

Die Liquiditätsprobleme am deutschen Aktienmarkt würden immer größer, warnt Fritz Nols, Sprecher des Bundesverbandes der Freien Börsenmakler. Schuld seien der elektronische Aktienhandel über das System Ibis und die Deutsche Terminbörse (DTB). Sie nutzen ausschließlich dem Handel mit blue chips, also dem Geschäft mit Spitzenwerten.

Fritz Nols sieht hinter der in Frankfurt praktizierten Börsenpolitik „oligopolistische Denkansätze“ und entsprechendes Handeln. Dies führe jedoch „zu Monopolen, die in unserer Wirtschaftsordnung keinen Platz haben“.

Eines dieser Monopole entsteht in wenigen Wochen: die Deutsche Börse AG. Rolf. E. Breuer und sein Kollege Gerhard Eberstadt von der Dresdner Bank waren ihre eifrigsten Vorkämpfer. Erstmals, so Breuer stolz, würden damit in einem Land alle Wertpapierbörsen (Frankfurt, Düsseldorf, München, Berlin, Stuttgart, Hamburg, Bremen, Hannover), die Terminbörse und die technische Abwicklung (Deutscher Kassenverein und Deutsche Wertpapier Datenzentrale) unter einem Dach vereint. Damit werde der deutsche Kapitalmarkt ein gutes Stück wettbewerbsfähiger.

Den blue chips mag das zugute kommen, entgegnen Kritiker Breuers, auch im Vorstand der Deutschen Bank. Die mittelständischen Unternehmen jedoch brauchten keine internationale Weltbörse, sondern funktionsfähige Regionalmärkte. Aber die Überlebenschance der kleineren Börsen als Anhängeis des teuren Frankfurt sei gering. Fachleute rechnen damit, daß zuerst die Börsen in Bremen, Hannover und Hamburg schließen. „Aber vorher dürfen sie noch den Sarg bezahlen, in dem sie begraben werden“, meint ein Frankfurter Makler. Er spielt auf die hohen Kosten an, die den Regionalbörsen durch den Zusammenschluß entstehen.

Die meisten Mängel des deutschen Kapitalmarktes werden durch die neue Deutsche Börse nicht beseitigt. Dazu gehört auch die ungenügende Kontrolle. Im Ausland genießt die deutsche Börse schon den Ruf eines windigen Pferdemarktes. An der Wall Street ist es nicht erlaubt, Investmentprodukte, die an den Deutschen Aktienindex gekoppelt sind, zu handeln. Grund: In Frankfurt wache keine ernstzunehmende Börsenaufsicht über das ordnungsgemäße Zustandekommen der Kurse. Auch die Börsennotierung deutscher Aktien wird in New York unter anderem mit dieser Begründung verweigert.