Von Wolfgang Hoffmann

Bonn

Bundeskanzler Helmut Kohl ist der deutschen Luftwaffe und ihrem Hauptlieferanten in der Industrie gleichermaßen zu Dank verpflichtet. Beide nämlich haben Verteidigungsminister Volker Rühe dort hineinmanövriert, wo der Kanzler zu starke Ressortchefs und potentielle Konkurrenten am liebsten sieht – ins Abseits.

War die Abfuhr, die der Düsseldorfer Parteitag dem Mitbewerber bei der Wahl der Kohl-Stellvertreter im Parteivorsitz bereitet hat, schon ein schmerzlicher Dämpfer, von der Niederlage, die ihm in Sachen Jäger 90 bereitet wurde, dürfte sich Rühe nur schwerlich wieder erholen. Ein Verteidigungsminister, der in Parlament und Öffentlichkeit Lorbeer einheimst, weil er den Jäger 90 endgültig kippt, ihn dann aber unter dem Druck der Lobby erneut aus der Taufe heben muß, hat viel Glaubwürdigkeit verspielt – schade um den Mann.

Das Feilschen um ein neues Jagdflugzeug der neunziger Jahre ist eine Rüstungsgeschichte par excellence, auch eine der permanenten Vortäuschung falscher Tatsachen. Die ersten Überlegungen für ein neues Flugzeug, das die Phantom – wie ursprünglich geplant – schon Anfang der neunziger Jahre ersetzen sollte, stammen aus den späten siebziger Jahren. Unter dem Kürzel TKF (Taktisches Kampfflugzeug) wurden nationale wie internationale Lösungen erwogen. Aus Frankreich signalisierten die Regierung und der Flugzeugbauer Dassault damals starkes Interesse an einem großen deutsch-französischen Industriebündnis. Dassault strebte eine enge Zusammenarbeit mit dem deutschen Triebwerkhersteller MTU an. Etwa gleichzeitig konzipierte Dornier, die kleine, aber technologisch stets feinere Konkurrenz von MBB, gemeinsam mit dem amerikanischen Flugzeugbauer Northop die ND-102, ein Jagd-Flugzeug, das auch deutschen Militärs gefiel. 1982/83 kam dann aber alles ganz anders.

In Bonn wurde die sozial-liberale Regierung von der Wende überrollt. Manfred Wörner ergriff von der Hardthöhe Besitz. Von nun an drängte die bayerische Staatslobby mit Franz Josef Strauß und seinen Münchner MBB-Spezies mächtiger denn je ins Geschäft. Beim Jagdflugzeug setzte MBB auf eine großeuropäische Lösung in enger Kooperation mit der britischen Flugzeugindustrie. Gemeinsam wurde das EFA – European Fighter Aircraft – gekürt; Frankreich, Italien und Spanien wurden zum Mitmachen eingeladen. Allerdings hatte die Achse München-Bonn-London von Anfang an einen Stolperstein für Frankreich eingebaut. Während Frankreich eine leichte Version des Flugzeugs von maximal neun Tonnen favorisierte, wurde EFA – deutsch: Jäger 90 – mit elf Tonnen konzipiert, ein Gewicht, das für Frankreich und die französischen Exportinteressen zu teuer und daher inakzeptabel war. Nach längerem Tauziehen stieg Frankreich erwartungsgemäß aus. Italien und Spanien hingegen blieben Partner des Projekts unter deutsch-britischer Dominanz.

Kurz bevor Manfred Wörner 1988 die Hardthöhe mit dem Posten des Nato-Generalsekretärs vertauschte, zurrte er den Entwicklungsvertrag für den Jäger endgültig fest. Damaliger Preis pro Flugzeugsystem: 65 Millionen Mark.