Ein Mann tanzt. Er hat einen Eimer mit Farbe in der einen, einen Pinsel in der anderen Hand und tanzt um eine am Boden liegende Leinwand herum. Mal schneller, mal langsamer, mal spontan, mal nachdenklich, mal lauernd, mal leidenschaftlich klatscht, schleudert, tropft, spritzt er die Farbe auf die Leinwand. Jackson Pollock malt, und durch die wunderbaren Photos von Hans Namuth und einen kleinen Film, der damals entstanden ist, sehen und begreifen wir, daß hier die Geschichte der Malerei neu anfängt. Farbe dient nicht mehr der Illustration von Realität, der Projektion von Ideen, sie ist als Material Träger einer Emotion, die sich gelegentlich zu einer Wut zu steigern scheint. "Kontrolliertes Farbschleudern" nannte man das. Und es war, so sagte es Pollocks Freund, der Maler Barnett Newman, "dieser nackte, revolutionäre Moment, der aus Malern Maler machte".

Das Photo, das Jackson Pollock bei der Arbeit zeigt, 1950 in Springs bei New York, ist zu Recht das erste Bild, das in dem Band "Die Malerei in Europa und Amerika 1945 – 1960" zu sehen ist. In einem einleitenden Essay zum Thema "Die zweite Moderne" und mit vierzig Künstlerportraits entwirft Karl Ruhrberg hier ein Panorama der Malerei, in dem die jüngste Vergangenheit noch fast im Präsens erscheint. Was nicht nur daran liegt, daß fünfzehn der hier Portraitierten noch am Leben und bei der Arbeit sind. Man spürt bei der Lektüre auch, daß der Autor ein Leben mit dieser Kunst und diesen Künstlern, über die er schreibt, verbracht hat. Als Direktor der Kunsthalle Düsseldorf, Leiter des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin und schließlich Direktor des Museum Ludwig in Köln hat Ruhrberg viele der Künstler, über die er schreibt, selbst kennengelernt und, was noch wichtiger ist, ihre Arbeiten in wechselnden Zusammenhängen von Ausstellungen und Publikationen aber die Jahre hinweg immer neu erleben, durchdenken können. Hier schreibt, das spürt man bei der Lektüre, nicht ein gelehrter, sondern ein gelernter Kunsthistoriker. Und ein freudiger Formulierer, der immer gern über den Tellerrand der Kunst hinausschaut.

In Amerika war es Jackson Pollock, in Europa Wols (Alfred Otto Wolfgang Schulze), der die Malerei aus der Balance und zu sich selber brachte. Auch für Wols, der in Berlin als Sohn eines hohen Beamten geboren wurde und seit 1936 in Paris lebte, zuletzt unter ärmlichsten Bedingungen, ging es nicht mehr darum, etwas darzustellen, sondern etwas auszudrücken. Aber wo bei Pollock die Farbe weiträumig explodiert, implodiert sie bei Wols, verkrustet sich auf kleinen Leinwänden, konzentriert sich in obsessiven Formen und Figurationen. Wols, der sich mit Heidegger und Sartre auskannte und dem der Existentialismus zu einer leidvoll erfahrenen Lebensform geworden war, hat selber von seinen Bildern gesagt, sie seien Dokumente der Verzweiflung. Kontinente liegen zwischen Pollock und Wols, die sich doch in ihrem Selbstverständnis als Künstler und der Art der Selbstzerstörung ähnlich waren: Wols starb 1951, Pollock 1956, Überdosen von Alkohol waren in beiden Fällen die Ursache.

Gewiß, es gab auch Europa. Es gab, im Gefolge von Wols, Fautrier und Dubuffet, es gab Asger Jörn und die Gruppe Cobra, es gab Francis Bacon und es gibt Antoni Tàpies. Aber eins macht dieses Buch auch deutlich, und das zu erkennen reicht fast ein Blick auf die Abbildungen: daß der Titel eigentlich umgekehrt heißen müßte "Die Malerei in Amerika und Europa". Denn diese "zweite Moderne", die den Kunst- und Realitätsbegriff ihrer Zeit ebenso notwendig zertrümmerte wie Cézanne und der Kubismus es getan hatten, ist in ihren kühnsten Formulierungen "made in USA". Und sonst gar nichts. Pollock, Newman, Mark Rothko, Ad Reinhardt, Clyfford Still und Sam Francis: für sie alle gilt das Wort von Barnett Newman "Ich bin das Subjekt. Wenn ich male, bin ich auch das Verb, aber ich bin auch das Objekt. Ich bin der vollständige Satz."

Petra Kipphoff

  • Karl Ruhrberg:

Die Malerei in Europa und Amerika 1945 – 1960

DuMont Buchverlag, Köln 1992; 134 S; Abb., 94,– DM