Von Hildegard Düll

FRANKFURT. – Sehr geehrter Herr Bundespräsident, erschüttert habe ich die Ausschreitungen bei der Demonstration in Berlin live im Fernsehen verfolgt. In der Nacht noch rief ich meine Tochter an, die in Berlin studiert, und mußte erfahren, daß sie den Protest der "autonomen Gruppen’ gutgeheißen hat, wenn auch nicht das Werfen von Eiern und Steinen.

Meine Sorge, wie dieser Protest in aller Welt mißverstanden werden wird, hat sie akzeptieren können, auch meine Ängste, die Demokratie könne Schaden nehmen und den Ultrarechten den Zugang zur Macht erleichtern. Meine eindeutige Verurteilung, daß auch Pfeifen und Nicht-ausreden-Lassen feige Gewaltgesten sind, mußte sie hören. Mein Vorwurf, es gäbe friedliche, eigene Aktionen, um zu protestieren, wenn sie meinten, vielen Politikern Unehrlichkeit vorhalten zu müssen – auch darüber haben wir diskutiert. Ich hatte den Eindruck, daß weder ihr noch ihrem Freund die weltweiten Konsequenzen des Protestes bewußt waren, weil sie auch nicht ahnten, wie die Situation im Fernsehen wirkte.

Warum war sie dabei und konnte sich nicht distanzieren? "Weißt du, Mama", sagte sie, "wir bekamen Angst, daß diese Friede-Freude-Eierkuchenstimmung die Politiker in Sicherheit wiegen könnte, wie gut sie alles im Griff hätten. Den CDU-Politikern ist doch gerade recht, daß die Sündenbockfunktion der Ausländer von ihren Fehlern ablenkt." Sie konnte und wollte es der CDU nicht abnehmen, daß sie ehrlich gegen Ausländerhaß demonstrieren kann. Und diese Meinung, daß das Asylproblem lange Zeit mit Absicht verschleppt wurde, bis es uns über den Kopf gewachsen ist, wird auch in Frankfurt von all denen vertreten, die sich gegen eine Änderung des Grundgesetzes einsetzen.

Mein Brief ist keine Rechtfertigung, sondern eine Mitteilung meiner Ratlosigkeit und Hilflosigkeit angesichts der konfusen Situation in unserer Gesellschaft. Die Stimmung an der Basis muß in Berlin meines Erachtens weitgehend fehleingeschätzt worden sein. Denn nur so ist zu verstehen, daß die Politiker meinen konnten, es wäre angebracht, auf diese unmittelbare und ungeschützte Weise den Kontakt zur Basis zu suchen. Die Kommunikation in unserer Gesellschaft ist zu schwierig geworden, als daß man sie allein dem guten Willen überlassen darf.

Über unsere Köpfe hinweg werden immer wieder die schlimmsten Diagnosen und Therapiemethoden ausgetauscht – die Panik machenden Schlagworte allein der letzten Woche in den Medien waren "Staatsnotstand" und "Währungsreform". Ist es da verwunderlich, daß der "Patient Gesellschaft" meint, nur noch die Decke über den Kopf ziehen oder die Flucht ergreifen zu müssen, indem er behauptet, die Diagnostiker seien krank und müßten ersetzt werden?

So bin ich empört über die gewalttätigen Protestaktionen, aber auch wütend und traurig über die Naivität und Konfusion der Politiker, die ihre Autorität nicht zu wahren wissen.