Von Klaus-Peter Schmid

Bern

Am 11.11. beginnt in Bern wie anderswo die Saison der Narren. Vom ohrenbetäubenden Lärm der Blasmusik begleitet ziehen sie durch die alten Gassen der helvetischen Hauptstadt. Erstmals dabei sind diesmal die Euronarren, in leuchtendes Blau gekleidet. Auf ihrem Rücken strahlen die zwölf Europa-Sterne in Form eines Fragezeichens; den Punkt darunter bilden die Umrisse der Schweiz.

Die Schweiz, Europa und die Narren – eine Umschreibung für das Drama, das sich im Land der Eidgenossen abspielt. Am 6. Dezember werden sie darüber abstimmen, ob sie dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beitreten wollen. Wie ihre sechs Partner in der Freihandelszone Efta erhielten sie damit freien Zugang zum Binnenmarkt, ohne Mitglied der Europäischen Gemeinschaft zu sein. Für die einen ist das der Weg in die Zukunft, für die anderen das Tor zur Vorhölle. Dahinter wartet die EG. Den Beitrittsantrag hat Bern im Mai abgeschickt.

Ein Glaubenskrieg ist entbrannt. Die Zeitungen sind voll mit Pro- und Contra-Anzeigen. Das Komitee gegen Schlangenfängerei ("Ja zum EWR") kämpft gegen das Schweizerische Aktionskomitee gegen EWR- und EG-Diktatur ("Frei, stark und weltoffen"). Verunglimpfungen, sonst nicht die feine Schweizer Art, sind an der Tagesordnung. Entsetzt stellt Bundespräsident René Felber fest: "Meine Kollegen und ich erhalten beleidigende Briefe; wir erhalten Todesdrohungen. Das ist doch nicht normal."

Die Regierung wirbt geschlossen für ein "Ja", die Kantonsregierungen sind alle für den Beitritt, ebenso fast alle wichtigen Verbände. Doch das ist belanglos. Es zählt allein das Schweizervolk. Das ist stolz auf seine siebenhundertjährige Geschichte und will partout nicht einsehen, warum sein Land Europa braucht. Was soll ein reibungslos funktionierender Staat in einem Gebilde, das sich um die Krümmung von Gurken kümmert, das Kartoffeln von deutschen Äckern zum Waschen nach Italien schafft, um sie dann in Frankfurt zu verkaufen? Brüssel sucht doch nur einen reichen Zahlonkel!

Der Satz des legendären Wilhelm Teil gilt wieder: "Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst." "In Brüssel", so schrieb eine Leserin an die Berner Zeitung, "sitzen ein paar Gessler-Köpfe, welche ganz Europa tyrannisieren." Sie vergaß nicht den Hinweis: "Die EG ist wie eine Mausefalle. Wer drin ist, hat keine Freiheit mehr." Der Rechtspopulist Christoph Blocher, lautester Trommler gegen Europa, sagt warum: "Der EWR-Vertrag macht die Schweiz faktisch zur Kolonie der EG und ist darum abzulehnen." Oder in den Worten seines Tessiner Abgeordneten-Kollegen Flavio Maspoli: "Im von Kohl und Mitterrand gewollten zentralistischen und antidemokratischen Europa hat unser Land nichts zu gewinnen."