Von Werner A. Perger

Jerusalem! Bonn

Die Nachrichten aus dem deutschen Alltag werden schlimmer, sie künden von wachsender politischer Brutalität. Die vielen Berichte über Opfer rechtsextremistischer Gewalttätigkeit sind eine höhnische Antwort auf die fromme Botschaft der Regierenden, die souveräne, vereinigte Republik habe einen Anspruch darauf, als völlig normales Mitglied der Völkergemeinschaft betrachtet zu werden.

Vor einem Rückfall in Weimarer Verhältnisse warnt nun der bisher so bedächtige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis. Der Schriftsteller Ralph Giordano schreibt Anfang der Woche in einem Telegramm an Helmut Kohl, die Juden in Deutschland – auch er selbst – würden künftig auf eigene Faust für ihre Verteidigung sorgen. Sie hätten die Hoffnung auf einen wirksamen Schutz gegen Rechtsextremisten durch den Staat verloren.’ Er drückt damit dramatisch aus, was bei Bubis noch vorsichtig klingt.

Die Juden überall in der Welt sind alarmiert, mit zunehmender Nervosität sehen sie auf Deutschland, nicht zuletzt die Juden in Israel. Klaus Kinkel konnte sich davon überzeugen. Doch wer weiß, ob sie ihn bei seinem Besuch in Jerusalem überhaupt darauf angesprochen hätten. Die Herren dort sind, bei aller Sorge, sehr taktvoll. Klaus Kinkel allerdings wollte die Belastbarkeit der israelischen Diskretion nicht prüfen. Was in Deutschland zur Zeit passiert – rechtsextremistische Gewalt, dreistes Auftreten neonazistischer Organisationen und Terrorgruppen, bestürzende Unsicherheit der Regierenden –, brachte der deutsche Außenminister selbst zur Sprache. Er schäme sich dafür, sagte er. Die Gastgeber, voran Kinkels Kollege Schimon Peres und Ministerpräsident Jitzhak Rabin, dankten es ihm mit Zurückhaltung und Milde. Ohnehin ist dieser deutsche Außenminister, auch wenn er noch kein persönliches internationales Profil aufweist, als Freund des Landes bekannt. Und die Deutschen sollten in dieser für sie offenkundig schwierigen Phase nicht auf die Anklagebank. Man mischt sich nicht ein in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Noch ist der neudeutsche Wahnwitz der vielen Rostocks und Hoyerswerdas, Wuppertals und Möllns eine innere Angelegenheit des wiedervereinigten Landes. Da sind die Israelis pragmatisch, und dieser Pragmatismus ist tatsächlich belastbar, vorerst.

Das galt in der langen Phase der konservativen Likud-Regierung, von 1977 bis 1992, nur mit Einschränkung. Die öffentliche Auseinandersetzung des damaligen Regierungschefs Menachem Begin mit Helmut Schmidt ist beiden Seiten noch in Erinnerung, ebenso der spontane negative Kommentar des Begin-Nachfolgers Jitzhak Schamir zur deutschen Vereinigung. Mit Labour ist das anders. Seit David Ben Gurions Tagen orientiert sich die israelische Arbeiterpartei an dessen damaliger Maxime, das heutige Deutschland unterscheide sich deutlich von dem historischen Deutschland der Nazis. Dieser Pragmatismus war nicht populär im Lande. Als 1965 die diplomatischen Beziehungen aufgenommen wurden, konnte der erste deutsche Botschafter in Israel, Rolf Pauls, sein Akkreditierungsschreiben nur unter polizeilichem Begleitschutz übergeben.

Schimon Peres hat sich vergangene Woche in seiner Tischrede beim offiziellen Abendessen für die deutschen Besucher auf Ben Gurion, den Staatsgründer, berufen und auf dessen Glauben an die deutsche Demokratie. Was Peres dann hinzufügte, klang wie ein leiser Appell, eine Erklärung dafür, warum Israel hinter dem Paravent seiner öffentlichen Gelassenheit genau beobachtet, was in Deutschland passiert: "Wir haben großes Interesse an Ihrer Sicherheit und Ihrer Demokratie", sagte er, "denn Ihre Demokratie ist Teil unserer Sicherheit."