Von Bodo Kirchhoff

Im Jahre 1960, das genaue Datum ist unerheblich, wurde die Stadt Agadir, heute Urlaubsort, durch ein Erdbeben zerstört; innerhalb einer Nacht starben 12 000 Menschen. Stoff, den man schlachten könnte. Aber der Autor weigert sich: "Eine Beschreibung wie in journalistischen Berichten liefern? Damit würde ich dem Beben in dieser Stadt nicht gerecht werden, nicht einmal dem unscheinbarsten Schutthaufen. Und außerdem gibt es auch Verwandlungen." Von kaum etwas anderem als diesen Verwandlungen ist in "Agadir" die Rede.

Ein junger Mann, Angehöriger einer Organisation, über die wir nichts weiter erfahren, wird von einem "Chef" an den Ort der Katastrophe entsandt, der seine Heimat ist (oder war), "um eine besonders kritische Lage in den Griff zu bekommen". Als eine Art Blauhelm, doch ganz auf sich selbst gestellt, ohne die Welt im Rücken, ausgerüstet nur mit einem "Verrechnungsscheck", soll der namenlose Ich-Erzähler Anträge der Überlebenden entgegennehmen, also die Verzweiflung in Bahnen lenken. Und mehr: Letztlich mit einem Geheimauftrag in der Tasche, dem der kompletten Evakuierung, reist er nach Agadir und findet "nicht die Spur von einer Stadt". Was er findet, ist schon "Teil der benachbarten Wüste"; allerdings fühlt er deutlich "die unterirdische Gegenwart des Stadtkadavers". Trotzdem richtet sich der einsame Blauhelm notdürftig ein und nimmt erste Anträge entgegen. Aber die Verzweifelten erweisen sich nicht als kooperativ. Sie sind stur: Sie möchten ihre Häuser wiederhaben. Einer droht gar mit Mord, wenn sich nicht genau die Stelle finde, wo sein Zuhause stand; ein anderer klaubt heimlich ein Fingerglied seiner Frau aus dem Schutt. Auch die Vernunft ist zerstört. Und natürlich planieren Soldaten, wie immer, alle Überreste, während die Ratten "ein strenges Regiment führen". Man ist gespannt, wie es weitergeht; Apokalypse Now, letzter Teil. Doch der Autor weigert sich wieder. Er enttäuscht uns, wie man es eher von guten Schriftstellerinnen gewohnt ist, indem er nichts schildert, sondern mit Worten – wohlwissend, "wie störend Worte sein können" – etwas geschehen läßt. Sein Roman ist die Katastrophe und kann sie darum auch nicht wiedergeben.

Schon nach wenigen Seiten werden die Leser Opfer des Bebens. Sie werden in Tagträume, Visionen und Delirien gezogen – wie die Überlebenden jener Nacht finden sie sich nicht mehr zurecht, suchen Kommas, Punkte, einen roten Faden, das Erzählgebäude, das der Autor von Anfang an einstürzen läßt; warum soll es uns besser gehen als dem integren Blauhelm, der allen Verzweifelten gerecht werden möchte? Er spürt inzwischen, daß er "nicht von daher kommt, wo man ihm die Anweisungen gab". Er ist nicht mehr neutral, er ist Partei, er spricht aus, was die Antragsteller denken. Sein Psychodrama beginnt. Darin treten auf: ein Koch, Lokalbeamte und Diener; das Publikum, ein Guerillaführer, ein Bauer; ein Schäfer, dessen Herde und ein Geißbock; und mittendrin der Erzähler.

Der junge Autor (er veröffentlichte den Roman 1967 im Alter von 26 Jahren) entwirft ein Schauspiel, das sich jeder Aufführung entzöge. Die unbeschreiblich zerstörte Wirklichkeit von Agadir (oder Dresden oder Sarajevo), kann nur ein unaufführbares Stück hervorbringen, flankiert von Passagen mit erschüttertem Satzbau. Zerstörte Welt, zerstörte Syntax; kein Theater, kein Programmheft. Nur die Worte haben überlebt, so scheint es: als ein selbständiges, vom Autor gelöstes Element, durch das selten, wie eine hier und da stehengebliebene Haushälfte inmitten der Verwüstung, der Ich-Erzähler in gewohnter Form hervortritt. Dann teilt er seine Visionen einer neuen Stadt mit, die er – Akt zwei des inneren Dramas – von Tieren bewohnt sieht, einem Papagei und einer Brillenschlange, verwandelten Menschen, Vorboten weiterer Figuren aus der Geschichte und Gegenwart Marokkos. Mit ihrem Erscheinen wechselt der Schauplatz: Auf einmal sind wir in Marrakesch, und das Buch wird politisch.

Was ist ein Erdbeben gegen ein Königshaus, was das Regiment der Ratten gegen eine Soldateska? Niemand spricht diese Fragen aus, aber immer wieder klingen sie an. Alle "gesellschaftlichen Kräfte", vom König und den Imanen über den Anarchisten, die Witwe und den Bauern bis hin zum Seeräuber und Gewerkschafter, kommen zu Wort – Kakophonie aus Größenwahn und Verzweiflung, die uns vertraut ist: Das sind die Stimmen aus Bosnien. Und wer allen Stimmen die gleiche Aufmerksamkeit, den gleichen Glauben schenkt, muß wahnsinnig werden. Er sieht zuviel, er hört zuviel, er weiß zuviel; sein Problem ist nicht mehr die Evakuierung der belagerten oder verschütteten Stadt, sondern die Evakuierung des Gedächtnisses. Alles können die Soldaten schleifen, nur nicht die Erinnerung, sie wird zum eigentlichen Gegner des Blauhelms – auch der Mann, der ihn erschießen will, wenn er es nicht schafft, unter dem Schutt das verlorene Heim zu finden, erinnert sich hartnäckig. Noch möchte der Erzähler ihm helfen, noch weigert sich der Autor – weitsichtigst –, zu den "verbitterten Alkoholikern mit ihrer Medienschläue" zu gehören. "Ich bin ein Schriftsteller, ich wiege zehn Kilo", erklärte er, bevor er zu versinken scheint in einer Poesie des Bluts, einer seitenlangen Beschwörung seiner Bande und Wurzeln, welche die Grenzen des Buches markiert, den Übergang zum privaten Wahn, zur Fremdsprache.

Doch das ändert sich wieder. Der Großvater des Blauhelms wird zitiert, und es stellt sich heraus: Alles war schon einmal dagewesen, auch die schlimmste Katastrophe ist nicht originell. Wie sehr wir auch leiden und unter welchen Leiden wir von diesem Leiden erzählen, wir sind Epigonen, in der Nachfolge bedeutenderer Leiden, bedeutenderer Leidensgeschichten; nur die Medien können uns noch adeln.