Von Petra Kipphoff

Zuerst die gute Nachricht. Bürgermeister Wedemeier, der zur Eröffnung der Ausstellung von Zeichnungen und Aquarellen der Bremer Kunsthalle nach St. Petersburg gekommen war, durfte ein Kunstwerk auch wieder mit nach Hause nehmen: Es ist die Ansicht des Bremer Rathauses, die ihm ein russischer Künstler, der aussah, als sei er einem Bild von Ilja Repin entsprungen, zur Feier des Tages überreichte. Selbstgemalt. Am nächsten Tag durfte das in braunes Packpapier eingewickelte Bild mit dem neuen Besitzer privilegiert unkontrolliert den Zoll passieren. Nun war das zwar nicht gerade das Kunstwerk, dessen Besichtigung und Transport dem gutgefönten Bürgermeister am Herzen lag. Die Ansicht von Kalchreuth, wo auch immer das liegen mag, von Albrecht Dürer hätte ihn da schon mehr interessiert. Aber, wie hieß es doch immer an diesem Tag, offiziell und zwischen den Türen – auf die Gesten kommt es an. Und so nahm der Bürgermeister das unerwartete Kunstwerk strahlend entgegen und verhielt sich bei seiner Rede in der Eremitage so zurückhaltend wohlerzogen, wie es hier bis zur Erstürmung des Winterpalastes durch die Bolschewisten im Oktober 1917 wohl üblich war. Nur ganz zum Schluß sagte er, höflich aber klar: "Wir wünschen die Rückkehr der Bilder nach Bremen." Und fügte hinzu, daß die Stadt bereit sei, über "kooperative Lösungen" zu sprechen.

Endlich, so hatte der russische Kultusminister zuvor gesagt, könnten die in Gefangenschaft gehaltenen Schätze nun freigegeben werden, ans Licht der Sonne seien sie nun wieder gekommen für den Betrachter – und wir sehen und hören im Geist den Chor der Gefangenen aus dem "Fidelio", aber nicht die Ansicht von Kalchreuth in Bremen. Richtschnur, sagte der deutsche Konsul, sind der 1990 zwischen Rußland und Deutschland geschlossene Freundschaftsvertrag Artikel 16, Absatz 2 und die Vereinbarung von Bundeskanzler Kohl und Präsident Jelzin: gegenseitige Rückgabe der Kunstwerke ohne Konditionen – der "Fidelio" ist aus, aber Kalchreuth immer noch nicht in Bremen. Er danke, so sagte der Direktor der Bremer Kunsthalle, den Kollegen aus der Eremitage für die gute Zusammenarbeit und sehe in dieser Ausstellung eine Chance für die Vertiefung der kulturellen und menschlichen Beziehungen. Ein Geschenk, so sagte der Direktor der Eremitage, sei diese Ausstellung für das Petersburger Publikum. Er wünsche, übersetzte die Dolmetscherin den Kulturdezernenten von St. Petersburg, den Anwesenden "viel Glück und Erschütterung beim Betrachten der Ausstellung".

Die Eremitage, behaupten wir, ist das wunderbarste Museum der Welt. Nicht, weil irgendjemand es so geplant hat und auch nicht wegen irgendeiner speziellen Stärke wie zum Beispiel der flämischen und niederländischen Sammlung, zu der allein 25 Bilder von Rembrandt gehören. Nicht wegen der zwei kleinen Leonardo-Madonnen oder des Skythen-Schatzes. Nicht wegen der acht großen mythologischen Landschaften von Lorrain und nicht wegen der sanftesten Judith, die je ihren schönen Fuß auf dem abgeschlagenen Haupt Johannes des Täufers plaziert hat, dank Giorgione. Die Eremitage ist deshalb so wunderbar, weil sie, Glück und Unglück der Geschichte ihres Entstehens und Wachsens, eine wahrhaft endlose Sammlung von Kostbarkeiten, Kunst und Kuriositäten ist und weil das alles nicht in einem Museumsbau ausgestellt, sondern in einem Schloß zu Hause ist. Der Winterpalast, vom Barockbaumeister Bartolomeo Rastrelli für die Zarin Elisabeth, die Tochter Peters des Großen, am Ufer der Newa errichtet, war bis 1917 noch die Residenz der Romanows. Die Gemäldegalerie wurde mit einer Kollektion von 92 aus Deutschland erworbenen Bildern 1769 von der ehrgeizigen Katharina II. begonnen, für die rasch größer werdende Sammlung wurde die Kleine, die Alte und später die Neue Eremitage angebaut, 1852 mit der Fertigstellung dieses wirklichen Museumsbaus auch ein Teil der Sammlungen für die Öffentlichkeit freigegeben.

Die Eremitage, wie seit der Revolution der ganze Komplex samt Winterpalast heißt, ist ein Museum, das auch den nicht müde macht, der, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, hier am Morgen seinen Rundgang bei der Vor- und Frühgeschichte beginnt und am späten Nachmittag bei Gauguin und Picasso unterm Dach angekommen ist. Denn zwischendurch ist er einfach durch weißgoldene Säulensäle mit gigantischen Kronleuchtern geschlendert, hat ein funkelnd grünes Malachitzimmer bestaunt, durch die hohen Fenster auf den Fluß und die rostroten Leuchttürme am anderen Ufer geschaut, Vitrinen mit Porzellan und Silberzeug umschritten, eine vom Boden bis zur Decke reichende Portraitgalerie russischer Generäle aus dem Krieg gegen Napoleon gemustert, in ein Kinderzimmer hineingesehen, in dem die vier schönen Töchter des letzten Zaren ihren Jungmädchentee abhielten. Hat sich ausgeruht auf einem der Empire- oder Biedermeierstühle, die hier herumstehen, hat all den zahllosen alten Damen zugenickt, die zum Schutz der Kunst in den Sälen und Räumen sitzen, ein wenig Rouge auf den Wangen und warme Pantoffeln an den Füßen, die kleine Handtasche fest auf den Schoß gedrückt. Die Eremitage hat 350 Ausstellungsräume. Sie hat 1300 Angestellte. Sie besitzt 2,5 Millionen Kunstwerke. Leider können nur wenige Russen die Eremitage besuchen. Wer als Lehrer oder Arzt 3000 Rubel im Monat verdient, hat nicht 200 Rubel für einen Museumsbesuch übrig. Daß der Eintrittspreis vor nicht allzu langer Zeit ein anderer gewesen sein muß, sehen wir daran, daß wir an der Kasse fünf Bögen mit jeweils zehn Tickets zu vier Rubeln in die Hand gedrückt bekommen.

Die Bremer Kunsthalle ist ein in seiner Art feines, aber kleines Museum, eine ‚ wie das in den fürstenlosen Hansestädten üblich war, Bürgergründung. 1849 bezog man das eigene Haus, die Grundlage der Sammlung waren die Schenkungen des Kaufmanns Albers, hauptsächlich niederländische Kunst, und des Senators Klugkist, der besonders Dürer und Lucas van Leyden gesammelt hatte. "Namentlich die Dürersammlung, deren wertvollster Bestandteil in einigen vierzig Zeichnungen beruht, genießt eines wohlverdienten Ansehens", schrieb 1913 Gustav Pauli, der Direktor, im Katalog. Die Bremer Kunsthalle ist zunächst durch die Plünderungen Adolf Hitlers und dann durch den Krieg besonders schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Von vier Auslagerungsorten, an denen man die Kunst in Sicherheit brachte, war Schloß Karnzow in der Mark Brandenburg der größte: 1715 Zeichnungen, fünfzig Gemälde und rund 3000 Druckgraphiken waren hier in den Kellern untergebracht, als die sowjetische Armee das Gebiet besetzte.

Die Geschichte vom wackeren Hauptmann Viktor Baldin, der 362 Zeichnungen und zwei Gemälde rettend mitnahm, sie später dem Architekturmuseum in Moskau gab, wodurch das ganze Thema der verschleppten und erbeuteten deutschen Kunst überhaupt erst in die russische Öffentlichkeit gebracht wurde, war letzte Woche im ZEITmagazin zu lesen. Die Geschichte des Viktor Baldin ist nur ein Bruchteil einer größeren Geschichte zum Thema Beutekunst, Trophäenkunst. Sie betrifft Bremen und viele andere deutsche Museen, Berlin und Dresden vor allem, nicht zu reden von den Bibliotheken und Handschriftensammlungen.