Von Ulrich Greiner

Eigentlich soll man nicht vergleichen, aber manchmal muß man es doch. Man soll nicht, weil jeder Roman sein eigenes Recht hat und aus sich selber heraus beurteilt werden will. Man muß aber, wenn ein Roman sich in eine große Tradition stellt und den Vergleich erzwingt.

Der englische Schriftsteller Julian Barnes, der bei uns zuerst durch "Flauberts Papagei" (1987) bekannt wurde, stellt sich mit seinem Roman "Das Stachelschwein" in die Tradition jener politischen Literatur, die über die Mechanismen totalitärer Regime aufklären will. Das ist vor allem die Literatur der großen Renegaten, von Ignazio Silone bis Man&s Sperber, von Czeslaw Milosz bis Arthur Koestler. In ihren Büchern haben sie die Logik des Terrors von innen heraus beschrieben. Sie haben die Lüge entlarvt, die mit dem universalen Anspruch auf Wahrheit aufgetreten ist.

Julian Barnes ist kein Renegat. Er versucht, mit den Mitteln des Romans Aufschluß zu gewinnen über den mühsamen, verworrenen Übergang von einer kommunistischen Diktatur in eine postkommunistische und quasidemokratische Gesellschaft. Anders als die Renegatenliteratur spielt der Roman nach dem Zusammenbruch des Sozialismus. Dieser Zusammenbruch bedeutet leider nicht, und das ist Thema des Buchs, daß damit zugleich die versteinerten menschlichen Beziehungen aufgebrochen worden wären. Die alten Seilschaften funktionieren noch immer, Feigheit und Ranküne herrschen nach wie vor, und die Lähmung der Köpfe ist noch lange nicht geheilt.

Das gilt vor allem für den Helden der Geschichte, die Barnes erzählt. Der Juraprofessor Peter Solinski hat das alte Regime überlebt, dank einer Mischung aus kluger Zurückhaltung und fallweisem Opportunismus. Jetzt, da der Prozeß gegen das ehemalige Staatsoberhaupt Petkanow bevorsteht, scheint er einer der wenigen zu sein, die kenntnisreich genug sind, ohne sich übermäßig kompromittiert zu haben. Man ernennt ihn zum Staatsanwalt und beauftragt ihn mit der Klageerhebung gegen Petkanow.

Eine der Pointen des professionell erzählten Romans besteht darin, daß der Ankläger Solinski am Ende dieses mit nicht gerade sauberen Mitteln geführten Schauprozesses zwar Petkanows Verurteilung erreicht, aber kaum weniger beschmutzt dasteht als dieser – mit dem Unterschied allerdings, daß der Intellektuelle Solinski eine gebrochene, gedemütigte Figur ist, während der stiernackige Bauer Petkanow als der eigentliche Sieger erscheint, glaubt er doch immer noch an den Sieg seiner Sache, auch wenn diese Sache weniger der Sozialismus ist als vielmehr eine unempfindliche Vitalität und brutale Machtgier.

Obwohl der Prozeß im Mittelpunkt des Romans steht, versäumt Julian Barnes es nicht, ein paar Seitenblicke auf das gesellschaftliche Umfeld zu werfen. Da spielt zum Beispiel Solinskis Ehefrau Maria eine Rolle, die sich von ihrem karrieresüchtigen Mann angewidert abwendet. Da sind zum Beispiel ein paar mutige junge Leute, die am Umsturz unter Lebensgefahr teilgenommen haben und nun die Fernsehübertragung der Verhandlung mit Trauer und Zorn verfolgen. Der Roman beginnt mit dem effektvoll geschilderten Hungermarsch der Hausfrauen der Hauptstadt. Sie klagen die neue Regierung dafür an, daß die Läden leer sind. Wir sehen: Dieses Land ist von einer Not in die andere gefallen, und einige Hinweise lassen darauf schließen, daß es sich um einen der ehemaligen Bruderstaaten der UdSSR handelt, wahrscheinlich um Bulgarien.