Eine Reise ins Baltikum führt heute nicht mehr über Moskau. Esten, Letten und Litauer sind wieder Herr im eigenen Haus. Doch zur Durchsetzung ihrer Souveränität tun sie mehr, als angemessen wäre

Von Karl Schlögel

Europa hat den Eisernen Vorhang gegen neue Grenzen eingetauscht. Was vorher unzugänglich war, liegt jetzt offen vor uns, und dort, wo man sich zuvor ohne Hindernisse bewegen konnte, sind jetzt Barrieren und Barrikaden aufgerichtet. Die Transformation des Raumes ist im Gange, zu spüren auch bei einer Reise durchs Baltikum.

Die Einstellung auf die neuen Verhältnisse von Raum und Zeit beginnt, noch bevor wir dort angekommen sind. Wir reisen nun nicht mehr ins Imperium und dessen Provinzen. Unsere erste Anlaufstelle ist nicht mehr die sowjetische Botschaft, die für das Reich zuständig war, sondern die lettische Vertretung in Berlin, die für die drei Republiken die Visa ausstellt. Wir denken nicht mehr daran, Wilna oder Riga auf dem Umweg über Moskau anzusteuern, sondern folgen dem kürzesten Weg.

Die Verkäuferin am Kartenschalter im Berliner Ostbahnhof stellt, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Zugfahrkarte nach Wilna aus – unsensationell, eine bloße Computerprozedur von knapp einer Minute, nicht anders, als wenn es eine Fahrkarte nach Mailand gewesen wäre. Nur eine Nachtfahrt trennt Berlin von Wilna. In der Luft haben wir die Wahl zwischen diversen Gesellschaften, die nach Riga, Wilna oder Tallinn fliegen. Die baltischen Hauptstädte sind inzwischen an die internationalen Autobuslinien zwischen Berlin und Helsinki angeschlossen.

Die Intensität der Bewegungen über die alte Grenze hinweg ist in den Hafenstädten und an der polnischen Grenze am höchsten. Jedes Schiff, jeder Zug, jedes Auto führt etwas mit sich, was dann seine Reise ins Innere des Landes antritt: Die Seeleute verkaufen ihre in Antwerpen oder Amsterdam gekauften Gebrauchtwagen und verändern so auf ihre Weise das Stadtbild Tallinns und Rigas; die Züge aus Warschau und Berlin, vollgepackt mit Einkaufstüten und Kartons, schaffen die Attribute der Freizeitgesellschaft ins Land – Videogeräte, T-Shirts, Turnschuhe, amerikanische Zigaretten; von den Bahnhöfen geht dann die Fracht in den letzten Winkel der Republiken.

Die Ästhetik der geschlossenen Gesellschaft und der abgeschlossenen Welt zerfällt. Gegen das perfekte Design der Marlboro-Schachtel ist jeder Widerstand sinnlos. Der neue Laden für lettisches Kunsthandwerk in der Rigaer Innenstadt wirkt gegenüber dem Siegeszug dieser Partikel des American way of life so antiquiert und subventioniert wie die ganze alte sowjetische Welt. In der Hotellobby sind die Videoclips von MTV auf Dauer gestellt, und gegen die Kids aus den Schwarzenvierteln von Detroit wirkt das nationale Sängerfest wie ein letztes Aufgebot. Der Westen ist da – auf dem Fernsehschirm, in den Atomen der Konsum- und Freizeitgesellschaft. Sie detonieren lautlos und nehmen eine Zeit und eine Kultur mit sich, die dem Druck der sowjetischen Zivilisation standgehalten und überlebt hatte.