Von Rudolf Walter Leonhardt

Ich halte Bertrand Russell für den bedeutendsten Philosophen unserer Zeit. Einen solchen Satz kann der Russell-Schüler nicht stehenlassen, ohne ihn logisch zu analysieren. Ein richtiger Philosoph brauchte dafür mindestens fünfzig Seiten. Wie angenehm für den Leser, daß nicht alle Russell-Schüler richtige Philosophen sind.

Zur Analyse! "Ich halte." Warum nicht: "man hält"? Alle Werturteile sind, nach Russell, subjektiv. "Man" ist ein unklares Subjekt. "Solide Philosophie besteht meiner Meinung nach hauptsächlich im Übergang von diesen offenkundigen, unklaren und unbestimmten Dingen, die wir nicht bezweifeln, zu präzisen, klaren und bestimmten Dingen, die wir durch Reflexion und Analyse in den unklaren Dingen finden ..." (Russell). "Ich" ist ein sehr "bestimmtes Ding". Was meint "der bedeutendste Philosoph"? Mehr jedenfalls als "der größte". Physisch gesehen, war Bertrand Russell ziemlich klein. Er hat kraft seiner Intelligenz, seines Witzes und seiner Unerschrockenheit mehr Leuten viel bedeutet als irgendein anderer aus der Klasse der Philosophen: seinen Schülern, den Hörern seiner zahlreichen Vorträge und Interviews, den Lesern der 71 Bücher, die er in reichlich 97 Lebensjahren geschrieben hat.

Was will schließlich "unsere Zeit" sagen? Das ist zugegebenermaßen ziemlich "unklar", wie das meiste, das man so sagt und schreibt. Es appelliert an die Lebenden und Lesenden der westlichen Welt. Afrika und Asien sind ausgeklammert, nicht aus Hochmut, sondern aus Ignoranz.

Was meinte Russell, wenn er seine Art, Fragen zu stellen und versuchsweise zu beantworten, "logischen Atomismus" nannte? Historisch gesehen, bezieht er sich damit auf eine Verfahrensweise, die er von 1912 bis 1914 mit seinem Schüler und Freund Ludwig Wittgenstein entwickelt hatte. Sie war stark beeinflußt dadurch, daß Russell ja von der Mathematik herkam und gerade während der letzten Jahre mit Wittgenstein in Cambridge an dem Buch gearbeitet hatte, das seinen Ruf in der Gelehrtenwelt unerschütterlich gemacht hat: "Principia Mathematica", 1910 bis 1913 zusammen mit seinem Lehrer Alfred N. Whitehead veröffentlicht. Dort geht es darum, das logische Prinzip an den Anfang zu stellen, aus dem sich auch die ganze reine Mathematik ableiten läßt. Was den "Atomismus" anlangt, so liegt darin natürlich eine Absage an den Monismus etwa eines Hegel: Die Wirklichkeit ist nicht ein großes Ganzes, sondern ein aus ungezählten vielen Teilchen Zusammengesetztes. Angespielt wird dabei freilich auch auf das Atom, das gerade damals anfing, die Physiker zu faszinieren. Russell hat es manchmal bedauert, nicht Physik studiert zu haben.

Wenn Bertrand Russell unter den "Denkern dieses Jahrhunderts" sehr weit vorn steht, dann freilich nicht als "logischer Atomist". Als solcher ist er über die kleine Fachwelt der Universitätsphilosophen kaum hinausgedrungen. Er hielt auch von solchen Etiketts – später ersetzte er "Atomist" durch "Analytiker" – nicht viel. Er war ein Realist und stand ganz in der Tradition des englischen Pragmatismus eines John Locke (1632 bis 1704), David Hume (1711 bis 1776) und John Stuart Mill (1806 bis 1873), der übrigens sein Taufpate war. Aber er hat den Realismus weiterentwickelt, für unser naturwissenschaftliches Jahrhundert transformiert. Auch wo er, zum Beispiel, noch von real existierenden "Dingen" spricht, versteht er diese doch ganz im Sinne der modernen Physik als "Ereignisse".

Wie die Zufälle, die Erzfeinde philosophischer Systeme, so spielen: Von Russells ersten drei Büchern beschäftigen sich zwei mit Deutschland: "German Social Democracy" (1896) und "The Philosophy of Leibniz" (1900). Und von den restlichen 68 keins mehr, obwohl Russell ja zwei Jahre in Berlin verbracht hatte und recht gut Deutsch sprach. Das lag dann natürlich auch an Hitler, aber doch nicht nur. Wir haben es dem britischen Renommier-Philosophen heimgezahlt. Wer nicht sehr gut Englisch versteht, muß sich seine Schriften mühsam zusammenstückeln aus Taschenbüchern verschiedenster Provenienz, und auch dann hat er noch längst nicht alles. Glücklicherweise gibt es Russells populärstes und überwiegend philosophisches Werk in einer recht brauchbaren Übersetzung: "A History of Western Philosophy" (1940), deutsch "Philosophie des Abendlandes" (Frankfurt, 1950).