Von Kardinal Franz König

Wenn es um das Verhältnis zum Islam geht, verweisen Vertreter der christlichen Glaubenswelt gern auf die Frage, die im Neuen Testament an Jesus gerichtet wird: Soll man dem Kaiser von Rom Steuern bezahlen oder nicht? Jesus antwortet darauf: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist (also des Staates) und Gott, was Gottes ist." Diese Antwort weist auf einen bedeutsamen Unterschied zwischen Islam und Christentum hin. Während im Christentum die Verschiedenheit von Religion und Staat betont wird, ist im Islam eine solche Unterscheidung nicht möglich.

Im Islam sind Religion und politische wie staatliche Macht untrennbar miteinander verbunden. Von Ajatollah Chomeini stammt der Satz: "Ohne Politik ist der Islam nichts." Wenn aber Religion und Staat identisch sind, stellt sich die Frage: Wie weit gibt es in einer solchen staatlichen Rechts- und Gesellschaftsordnung überhaupt noch Raum für Toleranz, für Gewissensfreiheit und Menschenrechte?

Die Verbindung von Religion und Staat geht auf den Propheten selber zurück und wird durch die Geschichte bestätigt. Nachdem Mohammed sich anfangs noch um die an einen Gott glaubenden Juden bemüht hatte, um ihre Sympathie zu gewinnen, kam es im Jahre 624 zum endgültigen Bruch. Äußeres Zeichen hierfür war die Änderung der Gebetsrichtung von Jerusalem nach Mekka. Mit der Emigration nach Medina begann die islamische Zeitrechnung; und es kam zur Gründung der umma, in der die religiöse und die staatliche Gemeinschaft verquickt sind. Damit wurde Mohammed sowohl zu einem religiösen Propheten als auch zu einem politischen Führer.

Auf dieser Verbindung beruhen nicht nur die persönlichen Glaubensverpflichtungen wie Gebetszeiten, Fasten und Almosensteuer, sondern auch die Rechtsvorschriften. Über allem steht das Glaubenswissen um den einen Gott, dem der einzelne sich gänzlich unterordnen muß. Die Rechte Gottes und die religiösen Pflichten gegenüber Gott beherrschen alles. Es gibt keine Unterscheidung zwischen einem irdisch-staatlichen und einem göttlich-transzendentalen Bereich. Glaubenslehre, religiöse Praxis und Rechtsvorschriften sind für den gläubigen Muslimen ein festgefügter Rahmen, in dem er sich gottergeben bewegt. Dieser Weg führt ihn am Schluß vor das Gericht Gottes und garantiert ihm die Aufnahme ins Paradies.

Die Welt ist Gottes Schöpfung. Das Böse ist für den Islam die Folge eines Verstoßes gegen das göttliche Gesetz. Diese Grundeinstellung führt zu missionarischem Denken: Je genauer sich die Menschen an den Willen Gottes halten, um so besser lassen sich die großen Weltprobleme lösen. Der Islam zeigt den Weg in eine bessere Welt. Verbindet sich eine solche missionarische Grundeinstellung mit einem unerleuchteten Fanatismus, so wachsen die Spannungen.

Das islamische Selbstbewußtsein hat unter dem westlichen Kolonialismus und der Überlegenheit einer säkularisierten Welt im technischen Fortschritt und in der Wirtschaft stark gelitten. Der Ausruf: "Islam herrscht und wird nicht beherrscht" wurde zum Motto einer islamischen Renaissance. Der Koran leitet an "zu dem, was richtiger ist". Solche Sätze steigern die Zuversicht und fördern den Aufbruch.