Von Nathan Sznaider

Als Jude, in Deutschland aufgewachsen, hatte ich diesem Land vor achtzehn Jahren den Rücken gekehrt. Ich habe in Israel und in New York gelebt und bin nun wieder zurückgekehrt, um für das Leo-Baeck-Institut in Archiven der ehemaligen DDR nach Spuren jüdischer Vergangenheit zu suchen. Ich inventarisiere Juden und dachte, bevor ich anfing, damit eigentlich ein Andenken an die von Deutschland ausgerotteten Juden schaffen zu können. Wie naiv. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit, und ich hatte schon vergessen, wie beschwingt jüdisches Leben in diesem Land sein kann. In meinen ersten Monaten wurde mir hier allerhand geboten: Rostock, Sachsenhausen, Ravensbrück. Friedhofsschändungen an allen möglichen Orten.

Auch etwas anderes war neu: Nach vielen Jahren in Tel-Aviv und in New York kannte ich das eigentümliche Selbstmitleid nicht mehr, mit dem man hier als Jude lebt. Kaum rührt sich in New York ein Antisemit, sei es nun der Filmregisseur Spike Lee oder ein ganz unbekannter Maulheld, tritt auch schon die Jewish Anti-Defamation-League auf den Plan und klagt an. Ohne jedes Selbstmitleid, sachlich und laut. Nichts entgeht den amerikanischen Juden. Da veröffentlichten zwei New Yorker Studenten im Juli 1992 einen großen Artikel in der New York Times, der den Film "Batman" des Antisemitismus beschuldigte. Die Reaktionen im New Yorker und der New York Times ließen nicht auf sich warten. "Batman and the Jewish question" wurde zum heiß diskutierten Thema. In Deutschland hingegen streiten sich Wissenschaftler, ob man "Jüdische Frage" mit Anführungsstrichen schreibt oder nicht.

Die Juden in den Vereinigten Staaten sind sich ihrer Stärke bewußt. Als man vor einem Jahr in Crown Heights in Brooklyn Juden schlug, verließ sich die jüdische Gemeinde nicht allein auf die Polizei, sondern auf "Muskeljuden", die in den Straßen patroullierten und die frommen Juden vor Übergriffen schützten. Auch das hier abgesetzte Theaterstück von Fassbinder wäre in Amerika aufgeführt worden. Doch keinem Juden wäre es dort eingefallen, den Staat zu bitten, es zu verbieten. Was hat denn der Staat damit zu tun? Die Anti-Defamation-League hätte ein Papier veröffentlicht, worin der Antisemitismus des Stückes klar benannt worden wäre. Die Zeitungen hätten es gedruckt und Experten in den Abendnachrichten gestritten, ob es nun antisemitisch sei oder nicht. Jeder wäre zufrieden gewesen und hätte seine Meinung gesagt.

Wer mehr Macht hat, kann auch was erreichen. In New York wäre der Bubis-Eklat in allen Nachrichtensendungen an erster Stelle aufgetaucht, und ich kann mir schon die Schlagzeile der New York Post vorstellen: "Schmidt to Bubis: Fuck the Jews." Nach dem Motto: "Ihr redet von der jüdischen Verschwörung, wir werden euch Verschwörung zeigen", so hätte man dort reagiert. Die anderen sollen es ruhig glauben. Oft sind Juden in Amerika richtig verblüfft, wenn sie erfahren, daß sie weder die Medien noch die Politik kontrollieren. Anscheinend war sogar Erich Honecker der Meinung, daß das amerikanische Judentum die Wiedervereinigung verhindern könnte. Schön wäre es gewesen. Wo ist die jüdische Weltverschwörung, wenn man sie wirklich braucht?

Die Juden in Deutschland haben keinen Glauben mehr, weder den ihrer Religion noch den einer illusorischen oder wirklichen Verschwörung der Weisen von Zion. Hier, wo es am nötigsten wäre, gibt es keine Anti-Defamation-League. Da müssen schon Muskeljuden aus Frankreich nach Rostock kommen, um den Goyim zu zeigen, daß es nicht nur Juden gibt, die sich schlagen lassen, sondern auch welche, die zuschlagen können. Ohne Religion, ohne Glauben an die eigene Kraft, in einer Zeit bar jeglicher Ehrfurcht, ist Mitleid das seltene Ding, das noch einen Hauch des Heiligen besitzt. Um wieviel mehr gilt das für Selbstmitleid. Selbstmitleid ist der einzige Glaube, der den Juden in Deutschland geblieben ist. Durch Selbstmitleid können sie wieder zu Märtyrern werden. Man trägt es wie einen großen Davidstern.

"Wir brauchen uns nur flüchtig in der Geschichte umzutun, um uns klarzumachen, daß es für Menschen keineswegs selbstverständlich ist, auf den Anblick von Elend mit Mitleid zu reagieren", schreibt Hannah Arendt in ihrem Buch "Über die Revolution". Sie beschrieb die Unbrauchbarkeit des Mitleids in der Sphäre der Politik. Mitleid für die Unterdrückten und für all die anderen, die nicht selbst für sich handeln können, ist bei Hannah Arendt ein Ersatz für das politische Selbstbewußtsein der Handelnden; es lähmt. Erst recht gilt dies für Selbstmitleid.