Nach jedem antisemitischen Vorfall erwarten die Juden in Deutschland, daß die Nichtjuden betroffen und mitleidsvoll reagieren. Das Mitleid der Mächtigen wird dadurch zum letzten Zufluchtsort der Machtlosen; durch Mitleid(en) werden die Nichtjuden zu den wahren (Ver)tretern der Juden. So tragen dann Juden wie Nichtjuden nicht nur Davidstern, sondern auch das Kreuz zusammen. Französische Juden mußten in Rostock zeigen, wie man reagieren kann, ohne wehleidig aufzutreten. Juden in Deutschland ziehen es vor, lieber moralisch in der ersten Klasse zu fahren. Mitleid und Selbstmitleid als Politik-Ersatz.

Solange Opfer und Täter und deren Nachfahren sich einbilden, einer Gemeinschaft anzugehören, werden sie sich beide nie vom Gemeinschaftsschmerz befreien können. Nur wenn Juden in Deutschland sich als eigenständige Gruppe definieren und sich nicht durch das ihnen zugefügte Mitleid verstehen, werden sie imstande sein, wirklich für sich selbst zu fühlen und zu handeln. Gefühlsmäßige Distanzierung und Abstand von den Deutschen ist der Schlüssel dafür. Leiden soll jede Gruppe für sich.

Aber ich habe rasch gelernt, daß es nicht so einfach ist, sich diesem Selbstmitleid zu entziehen. Auf einer Veranstaltung, liebevoll "Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Sammlungen" genannt, fand ich außer leidenden Juden vor allem "(mit) leidende" Deutsche. Sie pflegen jüdische Friedhöfe, damit die Deutschen, die "genug gelitten" haben, sie wieder schänden können. Ausgeglichene Vergangenheitsbewältigung durch gemeinsames Leid.

Ich bin bei Veranstaltungen jüdischer Vergangenheits- und Mitleidspflege erbost und belustigt zugleich. Weder verstehe ich die Gründe noch die Anliegen. Da zeigt ein Jude eine Wanderausstellung "Juden aus dem Koffer". Damit will er durch die Schulen ziehen, um deutschen Schülern beizubringen, daß Juden doch auch Menschen sind oder zumindest waren. Ich wollte lachen und schämte mich gleichzeitig für meinen "Glaubensgenossen". Dieses Hin-und-Hergerissensein zwischen Scham und Belustigung macht mein Leben hier aus. Ich schäme mich meiner Mitjuden, die glauben, sie könnten den Deutschen noch etwas beibringen. Sie sonnen sich in der Betroffenheit der Gutmeinenden. Und mich amüsieren die Goyim, die stolz darauf sind, jüdische Freunde zu haben. Schulter an Schulter mit den Kindern der Opfer dürfen sie nun auch zu Opfern werden und dann manchmal sogar jiddische Witze erzählen, ohne sich schämen zu müssen. Oder aber man beschäftigt sich strikt historisch und rein wissenschaftlich mit toten Juden. Die Nähe zum Opfer ist allein schon stimulierend. "Judenneid" sollten die Psychoanalytiker das nennen.

Ich habe mich in den vier Monaten, seit ich hier bin, an vieles gewöhnt, zum Beispiel an die endlosen Debatten meiner Freunde über jüdische Identität. Dabei ist doch selbst die Kategorie "Identität", zu der wir als (post)moderne Menschen Zuflucht suchen müssen, der jüdischen Tradition fremd. Was die jüdische Lehre angeht, so wird einem das Gedächtnis als Pflicht befohlen, es ist weder von einer persönlichen Entscheidung noch vom endlosen Leiden abhängig. Subjektive Identitätsdiskurse haben daher für Juden eigentlich gar keinen Sinn.

Und trotzdem heißt es im Kampf um die angeblich bedrohte Identität: "Es wird Zeit, wieder hier wegzukommen." Es gibt die endlosen Artikel über die bösen Deutschen und die guten mitleiderweckenden Juden, das "Gebrodere" über die ewigen Antisemiten, das ich von Israel und New York aus gesehen immer übertrieben, hier aber plötzlich viel zu harmlos fand. Harmlos auf der einen und folgenlos auf der anderen Seite.

Ich kann mittlerweile eine Menge wegstecken. Das Selbstmitleid hat auch mich gelähmt. Das "Ach, Sie sind Jude. Sie sprechen aber gut Deutsch!" ist noch das Harmloseste; weniger harmlos bittet mich jemand, einen uneingeladenen jüdischen Gast, der zu einer unserer Arbeitskonferenzen erscheinen wollte, doch hinauszuwerfen, da es sich im Augenblick nicht schicke, daß ein Goy einem Juden die Tür weist. Das soll dann der Kapo machen. Ich sehne mich nach den Tagen, wenn Goyim ohne (Mit)Leid Juden ausladen dürfen.