Bescheidenheit fordern Arbeitgeber, Politiker und Wissenschaftler stets von den Gewerkschaften. Doch seit die Belastungen der deutschen Einheit immer drückender werden, hat ein wahres Trommelfeuer auf die Arbeitnehmervertreter eingesetzt. Ob es diese Dauerschelte über allzu hohe Lohnabschlüsse ist, Resignation oder schlicht Einsicht in die Notwendigkeiten – eins steht fest: Die Forderungen für 1993 liegen so niedrig wie lange nicht.

Noch im vergangenen Jahr waren die Gewerkschaften mit Größenordnungen von etwa zehn Prozent in die Verhandlungen gegangen. Heute liegen die Zahlen zwischen fünf und 7,5 Prozent. Allerdings sind die großen Industriebranchen Metall und Chemie mit ihrer dramatischen Abwärtsentwicklung in diesem Jahr außen vor. Bis Ende 1993 herrscht in beiden Bereichen, jedenfalls im Westen der Republik, tarifpolitische Ruhe.

Das Interesse konzentriert sich deshalb derzeit auf den öffentlichen Dienst. Schon vor der Entscheidung der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) Ende dieser Woche über ihre Forderungen für 1993 hat die Gewerkschaftsspitze ihre Mitglieder diesmal auf ein mageres Ergebnis vorbereitet – und das gewiß nicht nur, um ihre leere Streikkasse zu schonen. Zurückhaltung signalisiert auch die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft mit ihrem Wunsch nach 5,5 Prozent mehr Gehalt.

Daß es 1993 kaum mehr als den Ausgleich der Preissteigerung geben wird, scheint angesichts der offensichtlichen Finanznöte der öffentlichen Hände und der Talfahrt der Konjunktur mittlerweile allen klar zu sein. Selbst bei den Banken, die zu den Gewinnern der Einheit gehören, üben sich die Gewerkschaften in Zurückhaltung. Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) will sogar einen Teil dessen, was die Geldinstitute leisten könnten, "für neue Formen einer solidarischen Tarifpolitik" gezielt in Ostdeutschland einsetzen, Töne, die auf ein grundlegend verändertes Denken schließen lassen.

Alles in allem scheint also die bevorstehende Tarifrunde im Westen von Vernunft und Augenmaß geprägt zu sein. Die Arbeitnehmer, die schon in der Vergangenheit durch die "Gerechtigkeitslücke" bei der Verteilung der Lasten der Einheit stärker geschröpft wurden als Beamte, Selbständige und gutbezahlte Angestellte, sind offenbar als erste bereit, ihren Beitrag zum Solidarpakt Helmut Kohls zu leisten. Nun ist es an den anderen Gruppen der Gesellschaft, diesem Beispiel zu folgen – etwa durch eine Arbeitsmarktabgabe und den Verzicht auf Steuerbelastungen für Unternehmen.

Die relative Ruhe an der Tariffront im Westen könnte allerdings durch erhebliche Turbulenzen im Osten Deutschlands gestört werden. Vor allem in der Metallindustrie droht ein heftiger Konflikt um die Revision der Lohnanpassung in den neuen Ländern. Eine Steigerung von 26 Prozent, wie sie Anfang 1991 im Stufenplan beschlossen wurden, würden die Hersteller im Osten nicht verkraften, argumentieren die Arbeitgeber. Schützenhilfe von unerwarteter Seite könnten sie von den Beschäftigten im Westen bekommen. Immerhin dürften die diesmal froh sein, wenn sie ohne Reallohnverlust aus der Tarifrunde herauskommen. Ob es ihnen da nicht womöglich doch gegen die Strich geht, wenn ihre Kollegen im Osten ein so dickes Plus einheimsen? Erika Martens