Eine Lobby für Humboldt – Seite 1

Von Sabine Etzold

Auf diejenigen, die ihn nur aus seinen Äußerungen in der Zeitung kennen – stets ist es die Frankfurter Allgemeine –, wirkt Hartmut Schiedermair mitunter wie ein regelrechter Leuteschreck. Da fordert er schon mal, daß alle Kultusminister wegen Unfähigkeit zurückzutreten hätten, oder er bezichtigt den Präsidenten der Hochschulrektoren, Hans Uwe Erichsen, eines unlauteren Handels mit der Politik ("Reformen gegen Geld"), oder er schlägt vor, die Hochschulen im Osten auf Kosten der West-Hochschulen zu sanieren.

Im persönlichen Gespräch aber ist das dann alles nicht so gemeint; das heißt: Gemeint ist es schon, aber eben nicht so schroff.

Hartmut Schiedermair, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, formuliert gern verbindlich, verpackt die Probleme in Parenthesen und die Kontroversen in Konditionalsätze. Und sein trotz bayerischer Vorfahren leicht rheinischer Tonfall – Schiedermair lebt schon lange im Rheinland, hat an der Universität Köln den Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Völkerrecht – glättet die letzten Härten.

Das stete Bemühen um den richtigen Takt und Ton hat sicherlich mit seiner akademischen Profession, der Juristerei, zu tun, aber bestimmt auch mit seiner Vorliebe für Musik. Er selbst spielt Cello und die drei Kinder Klavier. Allerdings bleibt für Hausmusik, Kirchenorchester und Konzertbesuche viel zuwenig Zeit. Und daran ist nicht nur der Lehrstuhl schuld – "Zum Glück kann ich schnell arbeiten. Ich kann bei den Literaturlisten gut mithalten, ich schreibe viel" –, sondern vor allem die Präsidentschaft, die der 56jährige nun schon seit zwölf Jahren ausübt.

Bedenkt man, daß in dieser Standesorganisation immerhin 15 000 der insgesamt 20 000 deutschen Hochschullehrer vertreten sind, eröffnet sich die Dimension des Schiedermairschen Ehrenamtes: Er ist Sprecher nahezu der gesamten Professorenschaft. Neben dem Wissenschaftsrat und der Deutschen Rektorenkonferenz ist es im wesentlichen nur noch der Hochschulverband, der hierzulande über die Belange der Hochschulen ernsthaft mitzureden hat. Schiedermair drückt das so aus: "Wir sind der Meinung, wenn die Universität gut läuft, dann sind auch unsere Interessen gut aufgehoben."

Schon seit einigen Jahrzehnten läuft die Universität freilich nicht mehr so gut, und folgerichtig sind alle Anstrengungen des Verbandes darauf gerichtet, die Interessen seiner Mitglieder wirksamer durchzusetzen. Die politische Linie, die er dabei verfolgt – und die den Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Dieter Simon, unlängst zu der Charakteristik "reaktionärer Gewerkschaftshaufen" provozierte –, ist dabei seit Jahren die gleiche: An der humboldtschen Idee der deutschen Universität soll die Realität sowenig wie möglich ändern. Dieses Programm, das der Verband bereits in den unruhigen siebziger Jahren unerbittlich gegen Reformbemühungen stemmte, beherrscht seine Politik bis heute. Und nur wenige könnten sie eloquenter unter die Leute bringen als Hartmut Schiedermair. Die Universität als "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" dürfe nie ihren Anspruch aufgeben, "in der Ausbildung Wissenschaft zu betreiben". Dies heiße ja nicht Ausbildung zum Wissenschaftler, wie immer behauptet werde, sondern es müsse eben mehr vermittelt werden als nur das reine Handwerkszeug für den künftigen Job. In Jura zum Beispiel gehe es auch um die Gerechtigkeit und um das Nachdenken darüber. "Oder wollen Sie von einem Richter beurteilt werden, der sich mit solchen Fragen nie auseinandergesetzt hat?" Der Umbau des Studiums in ein kürzeres, "grundständiges", und ein Graduiertenstudium, wie es unlängst die Rektorenversammlung propagierte, sei nur dann vertretbar, wenn die Studienzeitverkürzung allein dadurch erreicht werde, daß man fachlichen Ballast abwerfe, aber nicht, indem man auf Wissenschaftlichkeit verzichte.

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In der Vergangenheit habe es zwei große Fehlentwicklungen gegeben; zum einen die immer stärkere Spezialisierung der Fächer und damit deren völlige Zersplitterung und Unüberschaubarkeit und zum anderen das Bestreben, die Universität für jeden zu öffnen. "Wir haben nach 1968 eine Politik der sozialen Emanzipation betrieben. Und die Politiker sind fasziniert davon. Aber man kann nicht dauernd Leute von unten nach oben ziehen. Damit sind wir jetzt am Ende. Wenn schließlich alle oben sind, ist keiner mehr zufrieden." Es gelte statt dessen, andere Ausbildungswege attraktiv zu machen. Der "Königsweg Universität" sei ein Irrweg – schon seit Jahren eine Lieblingsmetapher Schiedermairs.

Bedeutet das, die Universitäten wieder abzuschotten? Etwa indem man die "Nichtstudierfähigen" aussortiert – ein Gedanke, den der Hochschulverband in den achtziger Jahren mit viel Nachdruck verfolgte? Die Antwort ist wie gewohnt moderat, aber eindeutig. "Wir sind nicht der Meinung, daß wir für das notwendige Grundwissen von Studenten verantwortlich gemacht werden können. Die Forderung nach Hochschuleingangsprüfungen wirft doch die alte Frage auf, ob die aufnehmende oder die abgebende Institution entscheiden soll. Ich bin sehr für die abgebende."

Für die "Studierfähigkeit" der Studenten also müssen andere sorgen. Und wie steht es mit der "Lehrfähigkeit" der Professoren? Auf erste Fragebogenaktionen, die an den Hochschulen die "Qualität der Lehre" ermitteln sollten, hatte der Verband äußerst unwirsch reagiert. Inzwischen haben sich die Emotionen etwas abgekühlt. Gegen Fragebogen wird nur noch gewettert, wenn sie staatlich verordnet sind. Gegen private Initiativen aber hat der Verbandspräsident nichts einzuwenden, zumal er selbst "sehr gut dabei weggekommen" sei.

Die Verkürzung der Studiendauer sei jedenfalls immer noch das Hauptproblem – dann aber wechselt Schiedermair abrupt das Thema: "Während wir hier uns die Köpfe zerbrechen über Überlast und andere alte Inzuchtprobleme der Universität, vergessen wir völlig die Probleme der neuen Bundesländer." Wie bei vielen seiner Kollegen hat die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten auch bei Schiedermair die hochschulpolitische Alltagsroutine durchbrochen. Die Deutlichkeit, mit der er seine Verbandspolitik in diesem Punkt vertritt und betreibt, ist man von ihm fast gar nicht mehr gewohnt: "Der Ausbau im Osten muß volle Priorität vor dem Ausbau im Westen haben. Ich würde den Osten glatt bevorzugen, auch auf Kosten der westdeutschen Hochschulen. Das ist eine Glaubensfrage. Das ist meine unerschütterliche Meinung."

Er hat eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie sich die östliche Hochschullandschaft halbwegs preiswert sanieren ließe. Zum Beispiel durch den Rückgriff auf emeritierte Westprofessoren. "Geben Sie denen 2000 Mark, und die sind glücklich, wenn sie im Osten noch eine Aufgabe haben. Außerdem hat das den Vorteil, daß sie nach zwei oder drei Jahren wieder weg sind und die Stellen nicht für Jahrzehnte blockieren."

Gibt es so etwas wie eine akademische Flucht vor der westlichen Hochschulmisere in den Osten? Die Frage wird ein wenig weggeschoben: "Vielleicht – bei einigen." Und dann – nach längerem Zögern – entschließt sich der Präsident, den Grund zu erläutern, warum es seiner Meinung nach so schwer sei, Veränderung und Bewegung in den Universitäten zu bewirken. Es handle sich dabei um das Prinzip der Kollegialität, das einen "unauflösbaren Strukturfehler" enthalte. Einerseits garantiere es das größte Faszinosum am Beruf des Professors, nämlich die persönliche Unabhängigkeit. "Die Melodie, die gespielt wird, geben Sie selbst an. Das verlockt. Damit treten Sie vor Ihr Publikum im Hörsaal – das ist ein unglaubliches Stimulans." In Köln zum Beispiel habe jede Fakultät ihren eigenen Geist. "Das ist eine Sammlung von Souveränen. Keiner stört die Kreise des anderen, was wunderbar ist." Doch dieses Privileg beruht – räumt Schiedermair ein – auf einer Fiktion, auf der Vorstellung nämlich, daß alle Professoren gleich gut seien. "Wir wissen zwar, daß manche schlechter sind und es eigentlich nicht bringen. Aber davon darf man eben nicht ausgehen." Und so könne weder kritisiert noch gespart oder gekürzt, noch gar versetzt oder entlassen werden. Denn "wenn ich das Prinzip der Kollegialität opfere, dann würde ich auch die persönliche Unabhängigkeit opfern".

Bedeutet dies im Klartext, daß die vielbeklagten Mängel der Hochschulen sich deshalb nie werden ändern lassen, weil – wie man so sagt – eine Krähe der anderen kein Auge aushackt? Ein Tor, der als Antwort auf diese Frage vom Verbandspräsidenten mehr als ein diskretes Lächeln erwartet.