HANNOVER. – Die Expo-Regie ist durcheinandergeraten. Eigentlich sollte Niedersachsens Landeshauptstadt schon die Fahnen der Weltausstellung übernehmen, als im Oktober das Super-Spektakel von Sevilla seine Tore schloß. Doch daraus konnte nichts werden. Weil Bonn immer noch davor zurückschreckt, eine Bürgschaft zu übernehmen, sind auch die glühendsten Befürworter des Weltgemeinschaftsfestes an der Leine nicht bereit, das Milliardenrisiko auf die eigene Kappe zu nehmen. Ob also das dritte Jahrtausend tatsächlich in Hannover eingeläutet wird, wie es die Hochglanzbroschüren verheißen, ist fraglicher denn je – trotz des knappen Ja bei der Volksbefragung und trotz der niedersächsischen Expo-Allianz aus CDU und SPD, Wirtschaft und Gewerkschaften.

Immer weiter hat Bonn die Entscheidung hinausgezögert – vom Juni in den September, vom Oktober in den November. Fällt sie in den nächsten Tagen? Nicht nur Ministerpräsident Gerhard Schröder spricht von einer "unerträglichen Hängepartie". Vor dem Landtag verkündete er jüngst: "Wenn es von der Bundesregierung bis zum Ende des Jahres keine Entscheidung gibt, bedeutet dies das Ende der Veranstaltung."

Doch der Bundeskanzler hat keine Eile. Der Aufschwung Ost hat den hannoverschen Traum vom Expo-Aufstieg zu einem Sturzflug werden lassen. Und Finanzminister Theo Waigel setzt immer neue Fragezeichen. "Noch völlig ungeklärt" beispielweise sei die Finanzierung des ehrgeizigen Nahverkehrsausbaus, heißt es in einem Bericht für den Bundestag. Eigentlich sollte der Ausbau der S-Bahn-Linien zum größten Teil aus dem Bonner Topf des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes bezahlt werden. Nur läuft dieses Gesetz voraussichtlich schon 1995 aus, so daß der Bundeszuschuß erheblich absackt: Im Verkehrsetat der Expo klafft eine Milliardenlücke.

Aber auch die Finanzierung des Expo-Geländes selbst steht in Frage. Der Münchener Unternehmensberater Roland Berger empfiehlt der Bundesregierung in einer Studie, nur dann in die vorgesehene Expo-Betreibergesellschaft einzusteigen, wenn die Wirtschaft stärker einbezogen wird. Die Stadt Hannover, rät Berger, sollte ihre Flächen am Expo-Standort Kronsberg an eine private Immobiliengesellschaft verkaufen, die sie dann später wieder verpachten könnte. Damit fiele den Gesellschaftern – gedacht ist an ein Konsortium internationaler Baukonzerne und Banken – zum einen die teure Erschließung des Geländes und zum anderen das Risiko der späteren Nutzung zu. Vor allem der Kaufpreis verdrießt die Hannoveraner an dieser Idee: Hatte die Stadt damit gerechnet, ihre Flächen für einen Quadratmeterpreis von 150 Mark an den Mann zu bringen, so setzt der Gutachter ganze sieben Mark an.

Auch ansonsten hat Roland Berger die Expo-Kosten kräftig heruntergerechnet: von 4,1 auf 2,8 Milliarden Mark. Gestrichen ist in diesem Billigkonzept der Bau von Veranstaltungshallen für die Entwicklungsländer (die bestehenden Messehalten tun es auch); der geplante "Superdome" soll weniger pharaonisch monumental ausfallen; für die Infrastruktur auf dem Weltausstellungsgelände, die mit 1,2 Milliarden Mark veranschlagt war, soll nur mehr die Hälfte ausgegeben werden – kein eigenes Kraftwerk, eine weniger aufwendige Expo-Bahn, die Grünpflege wird auf die Stadt abgewälzt.

Die Bonner Mahnungen zur Bescheidenheit hat Ministerpräsident Schröder ohnehin schon verinnerlicht. Bei seinem Besuch der Expo in Sevilla, deren Disneyland-Charakter er kritisierte, kündigte Schröder an, daß Hannover mit wesentlich weniger Geld auskommen müsse. Doch mit der Rolle, die Bonn der Wirtschaft bei der Weltausstellung zugedacht hat, mag sich kaum jemand aus den rotgrünen Koalitionen von Stadt und Land anfreunden. Ginge es nach Waigl, würde sich die Wirtschaft neben Bund und Land zu einem Drittel an der geplanten Betreibergesellschaft beteiligen – und hätte damit erhebliche Mitsprachemöglichkeiten.

Das Protokoll eines Gesprächs zwischen Bonner Regierungs- und Wirtschaftsvertretern hat die ökologiebewußten Expo-Anhänger schon vor Wochen aufgeschreckt. "Weder um eine Problematisierung des Umweltthemas noch um eine Kulturpräsentation à la Sevilla" könne es gehen, protokollierte Hannes Rehn, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, das Ergebnis. "Vielmehr sei die konzeptionelle Stoßrichtung eine Leistungsschau, bei der sich die deutsche Wirtschaft dahingehend präsentiert, daß sie mit modernen Produktions- und Dienstleistungsmethoden umweltverträglich arbeitet."