Von Klaus-Peter Schmid und Ludwig Siegele

Seit Monaten wartet Europa auf den erlösenden Satz: "Es wird keinen Handelskrieg mit den USA geben." Als am vergangenen Freitag die beiden EG-Kommissare Frans Andriessen und Ray Mac Sharry vor ihre eilends zusammengetrommelten Kommissionskollegen traten, hatten sie es geschafft. Stolz erläuterten der Niederländer und der Ire den in Washington erzielten Kompromiß über Exportsubventionen und Ölsaaten. Einmütig waren die Glückwünsche, die sie dafür einheimsten. Auch Präsident Jacques Delors machte keine Ausnahme. Der transatlantische Zank mußte ausgeräumt werden, damit die Verhandlungen der Uruguay-Runde im Gatt weitergehen können (siehe Kasten). Wiederholt schien der Bruch zwischen Washington und Brüssel unausweichlich, obwohl nur noch Details strittig waren. Die Amerikaner stellten sich vor der Wahl ihres neuen Präsidenten stur, unter den Europäern warnte vor allem Frankreich vor großzügigen Konzessionen zu Lasten seiner Bauern. Doch jetzt verkündete Agrarkommissar Mac Sharry auf die Frage, ob der Kompromiß auch mit der im vergangenen Mai beschlossenen neuen Agrarpolitik der EG vereinbar sei: "Da haben wir überhaupt keine Probleme." Die Stimmung in der Europäischen Gemeinschaft, zuletzt mies bis depressiv, schien sich aufzuhellen.

Doch schon am Wochenende kam es wieder knüppeldick. Zum dritten Mal innerhalb von zehn Wochen mußten die Wechselkurse im Europäischen Währungssystem (EWS) korrigiert werden. Ein akuter Schwächeanfall der schwedischen Krone, die am System gar nicht teilnimmt, genügte, um Spaniens Peseta und Portugals Escudo in den Strudel mitzureißen. Beide Länder hatten lange versucht, den Kurs ihrer Währungen zu halten und damit Stabilität zu demonstrieren. Doch die Peseta, die schon Mitte September fünf Prozent ihres Wertes verloren hatte, wurde jetzt zusammen mit dem Escudo nochmals um sechs Prozent abgewertet.

Dann sorgten Meldungen für Unsicherheit, EG-Präsident Delors setze sich behutsam vom Agrarkompromiß ab. In der ersten Novemberwoche hatte der Franzose die beiden EG-Unterhändler zurückgepfiffen, als sie kurz vor einem Abschluß mit den Amerikanern standen. Der Vorwurf wurde laut, Delors vertrete einseitig französische Agrarinteressen und falle den kompromißbereiten Partnern in den Rücken. Dabei geloben alle Kommissare bei ihrem Amtsantritt, daß sie keinen nationalen Interessen und schon gar nicht dem Druck ihrer Regierung gehorchen werden.

Schließlich schlugen Frankreichs Bauern los. Im ganzen Land machten sie ihrem Unwillen gegen den Gatt-Kompromiß Luft Die Lösung gab der Chef des Bauernverbandes, Luc Guyot, aus: "Bevor wir sterben, leisten wir Widerstand. Und

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zwar mit Nachdruck." In Paris, vor der amerikanischen Botschaft, trieben es die Aufrührer am schlimmsten. Das Sternenbanner ging in Flammen auf. Kracher prasselten auf die Ordnungskräfte nieder, auf den Champs-Elysees klirrten die Scheiben des McDonald’s-Restaurants. Staatspräsident François Mitterrand, seit elf Jahren im Amt, gestand: "Dies ist eines der schwierigsten Probleme, die mir seit 1981 untergekommen sind."