Von Klemens Polatschek

Das Leben der literarischen Übersetzer hat sich der Erforschung durch die Wissenschaft bisher weitgehend entzogen. Es scheint in gewisser Weise dem der Murmeltiere nicht unähnlich zu sein, mittelgroßer pelziger Wesen, die ja auch die längste Zeit in höhlenartigen Behausungen verbringen, ohne daß man genau weiß, was sie dort eigentlich treiben. In unregelmäßigen Abständen kommen sie an die Oberfläche und machen sich durch lautes Pfeifen bemerkbar, was im einen Fall den Jägern, im anderen den Literaturverlagen erlaubt, ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen.

Zudem ist es eine Qualität des Übersetzerhandwerks, möglichst nicht negativ wahrnehmbar zu sein; doppelt kränkend also, wenn es dann gar nicht wahrgenommen wird. Und das ist die Regel.

Hans Wolf, Übersetzer von Beruf, wurde kürzlich immerhin ins Licht einer gewissen Öffentlichkeit gehoben. Eine Jury hatte ihn zum Preisträger des ersten Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreises erkoren. Wolf, der 43 Jahre alt ist und im kleinen Sinzheim bei Baden-Baden wohnt, kaufte sich, wie man ihn geheißen hatte, einen dunklen Anzug; seit Menschengedenken hatte er nie so etwas gebraucht. Wolf sagte Frau, Tochter und der Privatbibliothek adieu und stieg in seinen roten Citroën 2 CV, der ihn sicher nach Frankfurt am Main brachte, zur Preisverleihung.

Es stellte sich heraus, daß die Verkehrssprache des Verlagsgeschäfts bei Anlässen dieser Art – Festessen inbegriffen – das Englische ist. Und so lobte man Hans Wolf als "rising star" am Übersetzerhimmel, passend für jemanden, der bereits nach sechs Übersetzungen aus dem Englischen die Rezensenten glatt zum Loben bringt. "Inspiriert" nannte einer seine letzte Arbeit, die Übertragung von Cormac McCarthys Roman "Suttree" (auf deutsch "Verlorene"); anderswo war zu lesen: "Mit seinem sicheren Gespür für feinste Nuancen hat sich Hans Wolf mit einem Schlag als einer der derzeit besten deutschen Übersetzer erwiesen."

Wolf überrascht mit der Mitteilung, daß er keineswegs gern englisch spreche und schon gar nicht begeistert englische Bücher lese. Das lenke ihn nur von der deutschen Sprache ab, also von seiner eigentlichen Arbeit. Seine kleine Ansprache in Frankfurt hielt er deshalb auf deutsch, und weil er freundlich und bescheiden ist, wollte er die Anwesenden auch "nicht mit der häufig gehörten Klage langweilen, wie schnöde bezahlt und geachtet der Übersetzerberuf doch sei".

Zweifelsohne hat dieses Thema einen Bart. Aber wenigstens skizzieren wird man die Lage dürfen. Auf Verlangen rechnet Hans Wolf vor, daß jede Manuskriptseite Übersetzung ihm zweieinhalb bis vier Stunden Arbeit macht. Das ist die Einheit, nach der die Verlage zahlen: Dreißig Mark pro Seite, so etwa lautet derzeit die Obergrenze. Selbst das beste Honorar und das Glück eines flotten Textes ergäben bei normaler Arbeitszeit rund 2000 Mark brutto im Monat – Steuer und Sozialversicherung noch abzuziehen.