Von Thomas Werres

Hermann Rappe, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik brachte das Problem auf den Punkt. Auch die Chemiegewerkschaften Europas müßten angesichts des kommenden EG-Binnenmarktes jetzt "Butter bei die Fische" tun. Als eine der letzten Gewerkschaftsgruppen hatten sich die Arbeitnehmervertreter der Chemiebranche zur Gründung einer europäischen Föderation entschlossen. Ideologische Vorbehalte von christlichen gegenüber kommunistischen oder britischen Gewerkschaften gegenüber der besonders sozialpartnerschaftlich orientierten IG Chemie hatten ein früheres Zusammengehen verhindert. Das war vor drei Jahren.

Mittlerweile sind weltanschauliche Zwistigkeiten unter Europas Gewerkschaften tatsächlich in den Hintergrund gerückt. Die Mitbestimmung beispielsweise, in früheren Zeiten Gegenstand rhetorischer Saalschlachten zwischen Deutschen und Briten, erfreut sich längst größten Interesses in fast allen europäischen Gewerkschaften. "Heute schreiben die Italiener oder Engländer in Stellungnahmen selber das Wort Mitbestimmung rein", berichtet Albert Graff von der IG-Metall.

Funktionäre konkurrierender Gewerkschaften fast aller Couleur aus Italien, Frankreich, Spanien oder Großbritannien versuchen, Sprachbarrieren zu überwinden. Sie debattieren über Arbeitszeitverkürzung, das freie Wochenende, Urlaubsregelungen, berufliche Fortbildung. Sie vergleichen Arbeitsbedingungen in der Autoindustrie, dem Maschinenbau oder den Chemieunternehmen Europas. "In den vergangenen vier, fünf Jahren hat sich in den europäischen Gewerkschaften viel getan", resümiert Peter Seideneck, der beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) für Europapolitik zuständig ist, die Entwicklung.

Dennoch: Auf dem Terrain Europas ist der Arm der Arbeiterbewegung immer noch recht dünn und schmächtig. Es wird viel geredet, gedolmetscht und beschlossen – meist aber ohne greifbare Folgen. So fehlt den Arbeitnehmern Europas vor allem eine schlagkräftige Organisation, die länderübergreifend Tarifpolitik gestalten könnte. Noch immer begleitet die Gewerkschaften Europas der Vorwurf des SPD-Politikers Peter Glotz, ihre Beziehungen untereinander seien eher "zeremoniell, denn operational".

Anders die Arbeitgeber. Europas Konzerne handeln und entscheiden schon seit vielen Jahren EG-weit. Sie fusionieren über Grenzen hinweg, verlagern Produktionen von einem Land in ein anderes. Die Arbeitnehmermacht in den Betrieben schwindet zusehends, da häufig Firmenzentralen im europäischen Ausland und nicht mehr Manager vor Ort entscheiden, etwa über Stillegungen oder Verlagerungen. Multinationale Konzerne können sich die unterschiedlichen Arbeits- und Gewerkschaftsrechte, stark abweichende Löhne und Arbeitszeiten in den zwölf EG-Staaten zunutze machen.

Bislang einzig sichtbarer Erfolg der organisierten Arbeitnehmer auf der europäischen Bühne sind die sogenannten Euro-Betriebsräte. In etwa dreißig multinationalen Unternehmen konnten Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaften den Konzernleitungen solche Gremien abtrotzen. Dort kommen zwei- oder dreimal im Jahr die Betriebsräte aus allen europäischen Fabriken eines Unternehmens zu Beratungen zusammen. Prominente Beispiele sind VW, der Chemieriese Bayer, der niederländisch-britische Mischkonzern Unilever oder die Allianz-Versicherung.