Von Dieter E. Zimmer

Das Wort "Tragödie" definierte der Leipziger Duden mit "erschütterndes Ereignis", der Mannheimer mit "Unglück". Was die Vereinigung der beiden Deutschländer dem akademischen Mittelbau der DDR zumutet, ist ein Unglück, das – bei so vielen anderen, spektakuläreren Trauerspielen ringsum – niemanden erschüttert, außer die Betroffenen. Und wieder einmal ist es eigentlich niemandes Schuld. Es waren nur zwei grundverschiedene Modelle, die da jahrzehntelang koexistiert hatten und von denen das eine von heute auf morgen ungültig wurde.

Im Westen gilt für den akademischen Mittelbau, zumindest tendenziell, das Durchlauferhitzer-Modell. "Mittelbauer" soll um Himmels willen kein Lebensberuf sein. Die betreffenden Stellen sind überwiegend Zeitstellen, auf denen junge Wissenschaftler zeigen dürfen, was sie können. Das soll motivationssteigernd wirken, nämlich dazu animieren, nicht weniger als sein Bestes zu geben. Ob es das wirklich immer tut, ob man so wirklich heiß gemacht wird für den Dienst an der Wahrheit und nicht nur für den am eigenen Fortkommen, ist eine andere Frage. Jedenfalls bringt es zwei unbestreitbare Vorteile mit sich. Den einen hat derjenige, der diese Stellen bezahlt: Er vermeidet elegant den Schrecken aller Arbeitgeber, dauerhafte Verpflichtungen. Den anderen haben die jungen Wissenschaftler: Es werden tatsächlich immer wieder Mittelbaustellen frei, auf die sie nachrücken können. Ein von vornherein schlechtes Modell ist es nicht.

Als ein strahlendes Vorbild wirkt es aber auch nicht gerade – dazu ist es zu tief in den deplorablen Zustand der westdeutschen Hochschulen insgesamt verwickelt. Jeder kennt die düsteren Zahlen: eine durchschnittliche Studiendauer von sieben Jahren, zwei beziehungsweise drei Jahre mehr als vorgesehen; eine durchschnittliche Abbrecherquote von 27 Prozent (in den Geistes- und Wirtschaftswissenschaften gar von 37) – die westdeutschen Hochschulen, erdrückt von der Überlast und voreilig durch sie exkulpiert, werden ihrem Ausbildungsauftrag schon lange nicht mehr gerecht. Sie sind Durchlaufabkühler. Und ihr Mittelbau hängt mittendrin und hat seinen Anteil am Versagen. Was die Studenten mehr als alles andere entbehren, ist ein wissenschaftlicher Geleitschutz, der sie sicher durch die Klippen und Untiefen ihres Studiums lotst. Wäre der Mittelbau anders beschaffen, so vertrödelten die Studenten (vielleicht) weniger Zeit, und nicht so viele von ihnen ergriffen vor der Zeit die Flucht.

Gerade in dem Augenblick, da sich die Unhaltbarkeit dieses Zustands herumzusprechen beginnt und zur Remedur wieder einmal die "Verschulung" des Grundstudiums empfohlen wird – gerade in diesem Augenblick wird nun das mit so eklatanten Mängeln behaftete westliche System nach Ostdeutschland exportiert und dort einem System aufgepfropft, das mit seinen ganz anderen Mängeln noch nicht fertig ist.

Studienabbruch und überschrittene Regelstudienzeiten gab es in der DDR jedenfalls nicht. Das hatte vielfältige Gründe; einer war, daß die DDR nichts zu vergeuden hatte. In der DDR studierten nicht 35 Prozent eines Altersjahrgangs wie heute in der Bundesrepublik, sondern nur 14 Prozent. Einen Studienplatz zu ergattern war schwierig (und mußte mit ständigem "gesellschaftlichem" Wohlverhalten erkauft werden). Denen, die einen gefunden hatten, wurde unablässig eingehämmert, daß sie da auf Kosten des Volkes ein rares Privileg genossen, dessen sie sich nur durch strengste Studiendisziplin würdig erweisen könnten. Zudem winkte jedem jenseits des Studiums ein allzeit sicherer Arbeitsplatz. Beides, der gehörige Druck und die in Aussicht stehende Belohnung, verhinderten, daß da jemand nur versuchsweise in seinem Studium herumstocherte. Daß er es aber in der vorgeschriebenen Zeit wirklich schaffte, das war das Ergebnis einer straffen Studienorganisation, also einer starken Verschulung, in Verbindung mit einer intensiven persönlichen Betreuung.

Und diese war vor allem Sache des noch nicht so genannten Mittelbaus (in der DDR war das Wort noch unbekannt – doch sprach man von den "wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitern"). Wenn die DDR-Universitäten bei allen ihren vielen und schaurigen Defekten jedenfalls keine verschlampten Massenfertigungsanlagen westdeutschen Zuschnitts waren, so lag das auch und vor allem an der Funktion, die dem Mittelbau in ihnen zufiel. Auch er wurde für die ideologische Domptierung eingespannt, auch er war kein Hort des Widerstandes; aber während man Professor praktisch nur als Genosse wurde, sammelten sich in ihm (wie auch an den Forschungsinstituten der Akademie der Wissenschaften) viele der weniger windschnittigen Typen, denen es verwehrt blieb, einen Lehrstuhl zu erklimmen. Es kann keine Rede davon sein, daß er als Berufsstand politisch pauschal kompromittiert wäre.