Von Uwe Jean Heuser

Die Szene gehört zu seinem Standardrepertoire. Robert Reich steht auf und fixiert seine Klasse: "Auch ich habe ein Minoritätenproblem – das der Körpergröße." Seine Studenten, berufserfahrene Männer und Frauen verschiedener Hautfarben, Nationalitäten und Religionen, stutzen einen Moment; sie haben vergessen, daß der lebhafte Mann vor ihnen nur gut 1,45 Meter mißt. Mit seiner gestochenen Sprache, seiner wirkungsvollen Mimik und Gestik hat er sein Auditorium im Griff. Zwei Minuten reichen, um zu begreifen, daß kleiner Wuchs für Robert Reich kein Hindernis darstellt. Er beherrscht alle Regeln der Kommunikation. Das wird ihm auch jetzt zugute kommen, bei seiner neuen Aufgabe als Ökonomie-Chef im Übergangsteam des künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Präsident Bill Clinton – besser hätte es für Reich gar nicht kommen können. Die beiden sind befreundet, seit sie auf dem Weg nach Großbritannien im Jahre 1968 eine Schiffskabine teilten und dann in Oxford studierten. Seit langem drängte es den 46jährigen Exponenten der amerikanischen Linken zurück nach Washington.

Dabei hat der Jurist, Ökonom und Politologe schon bisher weit mehr getan, als nur seinem Lehrauftrag an der Kennedy School of Government, einem Teil der Harvard-Universität, nachzukommen: Er gastiert regelmäßig im Fernsehen, zeichnet für linksliberale Zeitschriften wie The American Prospect mitverantwortlich und schreibt in schneller Folge Bestseller. Seine Zeit ist ebenso knapp wie gut organisiert; angeblich kommt er sogar noch dazu, mit seinen Söhnen umherzutollen. Seinen Studenten versucht er neben Einsichten in die Industriepolitik auch zu vermitteln, wie sie sich zwar kooperativ, aber strategisch geschickt in den Wirren von Bürokratie und Politik verhalten. Vieles von dem hat er in der Praxis gelernt.

An der Yale-Universität, wo Reich mit Bill Clinton und Hillary Rodham (die künftige First Lady) Jura studierte, schloß sich Reich dem Rechtsprofessor Robert Bork an; 1973 folgte er ihm als Assistent nach Washington, wo Bork bis 1977 stellvertretender Justizminister war und in den Wirren der Watergate-Affäre sogar kurz Chef des Ressorts. Der junge Reich beobachtete die interne Macht- und Verschleierungspolitik von Präsident Richard Nixon, sah aber auch, wie zwei aufrechte Justizminister sich dem Begehren Nixons verweigerten, die Affäre zu decken – und wie Bork sich als Dritter dieser Forderung aus seinem Pflichtverständnis heraus nicht entziehen konnte. Unter dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter arbeitete Reich dann als Planungsdirektor in der Handelskommission und sammelte wirtschaftspolitische Erfahrungen.

Als Ronald Reagan 1981 ins Weiße Haus einzog, war für den Demokraten Robert Reich kein Platz mehr in Washington; fortan lehrte er und versuchte, demokratische Positionen neu zu definieren. Schon vor vier Jahren sah er eine Chance, in die Hauptstadt zurückzukehren: Er beriet den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Mike Dukakis, der an der Kennedy School sein Kollege gewesen war.

Lange bevor Dukakis die Wahl kläglich verlor, lernte Reich eine neue Lektion. In einem Fernsehinterview lobte er Dukakis in einem fort, bis der Fernsehmann ihn, vorgeblich um mehr Glaubwürdigkeit bemüht, bat, wenigstens eine Schwäche Dukakis’ zu offenbaren. Reich sagte, dieser neige in Diskussionen mitunter zur Ungeduld, aber...! Am Abend war Reich im Fernsehen zu sehen – lediglich mit der unkommentierten Kritik an seinem Kandidaten. Die Folge: Einige Wochen war kein Mitglied des Dukakis-Teams für ihn zu sprechen, der gewiefte Kommunikator hatte sich selbst ausmanövriert. Im Clinton-Wahlkampf sollte er solche Fehler nicht wiederholen.