Anfang 1933 kauft der 36jährige Ungar Leo Szilard eine Fahrkarte für den Zug von Berlin nach Wien, um vor der Naziherrschaft zu fliehen. So beginnt die Vorgeschichte des Ereignisses, das den Beginn des Atomzeitalters markiert: die erste kontrollierte Kettenreaktion am 2. Dezember 1942.

Als Szilard die deutsche Hauptstadt verließ, an deren Technischer Hochschule er Physik gelehrt hatte, war er gerade zu dem Schluß gekommen, daß eine nukleare Kettenreaktion technisch realisierbar sei. Also, folgerte er, müßten die Demokratien noch vor den Nazis über diese Technik verfügen. Für dieses Ziel gewann er in den folgenden Jahren den Nobelpreisträger Enrico Fermi und schließlich die amerikanische Regierung. 1939 begannen sie an der Universität Chicago, "Stapel" (englisch: piles) aus Uranoxid und Graphit zu bauen; darinnen steckten Cadmiumstäbe, mit denen sich der Neutronenfluß kontrollieren ließ.

Der 18. Stapel sollte als "Chicago Pile 1" in die Geschichte eingehen. Langsam wurde in der Nacht zum 2. Dezember 1942 der letzte Cadmiumstab hochgezogen. Fermi las die Meßwerte und kalkulierte mit dem Rechenschieber, was geschehen würde, wenn sich der Kontrollstab ein weiteres Stück nach oben bewegte. Planmäßig setzte die Kettenreaktion ein.

Von Chicago führte ein gerader Weg nach Hiroshima.

Die Schrecken der Atomrüstung haben sich bis heute nicht verflüchtigt, sie sind nur ein wenig aus der öffentlichen Diskussion geraten. Und die Zeit der zivil genutzten Kernenergie ist gleichfalls nicht vorüber. Der AKW-Konflikt hat in Deutschland lediglich die Form eines Stellungskrieges angenommen: Man blockiert einander und wartet ab. Wenn in zehn oder fünfzehn Jahren die meisten Atomkraftwerke ersetzt werden müssen, wird es wieder lebhafter zugehen.

Die deutsche Atomindustrie entwickelt eine weitere Serie von Druckwasserreaktoren; 1995 sollen die ersten Genehmigungen beantragt werden. Das Argument der Industrie, neue Kernkraftwerke könnten den Treibhauseffekt bremsen, ist nicht gerade überzeugend: Damit die Kernenergie nennenswert zur CO 2-Ersparnis beitrüge, müßte ihr Anteil an der Energieerzeugung binnen kurzem vervielfacht werden. Dafür hat niemand Geld.

Unbekümmerten Umgang mit Zahlen pflegt indes auch das Lager der AKW-Gegner. Angesichts der kommenden Bevölkerungsexplosion ist die Kernenergie mitnichten überflüssig. In den Elendsländern wird die Geburtenrate erst sinken, wenn Milliarden Menschen zugrunde gehen oder wenn sich ihre Lage deutlich bessert – in diesem Fall werden sie mehr Energie als heute verbrauchen. Selbst bei optimistischen Annahmen (die Satten werden bescheiden, energiesparende Technik und alternative Energien werden ausgereizt) wird die zukünftige Zehn-Milliarden-Menschheit auf Atomenergie nicht verzichten können.